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#WEO2014: Energieversorgung am Scheideweg – die stets unterschätzte Rolle der Erneuerbaren

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Gemeinsamer Beitrag von Georg Günsberg und Andreas Veigl als Gast-Co-Autor

WEO Analyse Teil 1: Die stets unterschätzte Rolle der erneuerbaren Energie

Die Energielandschaft ist im Wandel. Einerseits führt die Halbierung des Ölpreises in den vergangenen Monaten zu für viele Akteure unterwarteten Verwerfungen am Markt. Zudem sinken derzeit die Gas- und Kohlemarktpreise und die weltweite Nachfrage nach Energie ist aktuell geringer als prognostiziert. Andererseits ist klar, dass die Anforderungen an den Klimaschutz deutlich steigen und damit eine massive Verringerung der fossilen Energie-nutzung notwendig ist. Die Frage ist also: Quo vadis, Energia? Und natürlich: Unde venis? (Woher kommst du?)

Der World Energy Outlook der Internationalen Energie Agentur ist jährlicher Gradmesser für maßgebliche Entwicklungen in der globalen Energieversorgung. In einer Analyse für das österreichische Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (Abt. I/2: Energie- und Wirtschaftspolitik) haben wir gemeinsam mit Steffen Bukold (energycomment Hamburg) und Andreas Veigl wesentliche Inhalte des umfassenden Berichts en détail analysiert. Ein Teil 1 davon setzt sich mit der geänderten Rolle der erneuerbaren Energie im WEO 2014 auseinander.

Der WEO 2014 als klares Signal vor Paris 2015

Der World Energy Outlook (WEO) der Internationalen Energieagentur (IEA) ist eine der wichtigsten internationalen Fachpublikationen zur globalen Energieversorgung. Die jährlich Mitte November stattfindende Präsentation (zuletzt am 12. November 2014 in London) ist Anlass für weitreichende internationale Berichterstattung und politische Einschätzungen zu zentralen Fragen der Energiepolitik. Der Bericht bietet eine Vielfalt an Informationen, Analysen und Szenarien und ist eine in dieser Form einzigartige Orientierungshilfe für Energiepolitiker in aller Welt. Der Bericht ist auch ein Spiegel seiner Zeit und wohl auch politisch nicht neutral. Im letzten Jahrzehnt wurde zu lange an der damals vorherrschenden These einer schier endlosen Verfügbarkeit billiger fossiler Energie festgehalten. Die IEA – zumal als Organisation der OECD – galt daher bei kritischen Energieexperten als Sprachrohr der Öl- und Gasindustrie. Diese Rolle hat sich doch zumindest vorläufig deutlich geändert. Das zentrale Szenario für 2040 (New Policy Scenario) bietet jedoch dennoch keinen Anlass zu Optimismus:

Abb.: 1: Energieträgeranteile 2040 nach WEO-NPS (Quelle: WEO 2014)

Abb. 1: Energieträgeranteile 2040 nach WEO-NPS (Quelle: WEO 2014)

Eindringlich wie selten zuvor verweist die über 700 Seiten starke aktuelle Ausgabe des WEO darauf, dass die Welt von einem Pfad Richtung max. 2°C Klimaerwärmung weit entfernt ist. Nach aktuellem Szenario würde sie mit Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung von +3,6 Grad Celsius zusteuern. Umgekehrt wäre das verfügbare „Carbon Budget“ – also jene Menge an CO2-Emissionen, die zur Erreichung des 2°C-Ziels gerade noch erlaubt ist – bei einem „Weiter so!“ im Jahr 2040 erschöpft. Ein Umdenken und Umlenken ist vor diesem Hintergrund unumgänglich.

Um auf dem 2°C-Zielpfad zu bleiben, ist laut WEO 2014 eine Vervierfachung der Investitionen in saubere Technologien (worunter die IEA auch Carbon Capture Storage/CCS und Nuklearenergie zählt) notwendig. Es brauche seitens der Politik ein klares Signal an Investoren. Denn eines ist klar: Der Bedarf an Investitionen für die Zukunft der Energieversorgung ist enorm. Die entscheidende Frage ist: In welche Bereiche werden diese gehen? Genau an diesem Scheideweg befindet sich die Welt.

Die bedeutsamere Rolle der erneuerbaren Energie – der IEA WEO im historischen Vergleich

Der WEO misst den erneuerbaren Energieträgern im historischen Vergleich immer größere Bedeutung zu. Im zentralen Szenario (New Policy Scenario) der Stromerzeugung im WEO 2014 steigt der erneuerbare Anteil von 21% auf 33% im Jahr 2040, was beinahe einer Verdreifachung in absoluten Mengen entspricht. Damit werden erneuerbare Energieträger noch vor Kohle und Erdgas den größten Beitrag liefern.

Wir haben in unserer Analyse auf Basis vorangegangener World Energy Outlook-Ausgaben die einzelnen zentralen Szenarien übereinander gelegt. Das Ergebnis ist offensichtlich: Im Vergleich zu früheren Ausgaben des WEO wird der Beitrag von erneuerbaren Energien zur Energieversorgung – sowohl in absoluten Zahlen als auch relativ – über die Zeit als immer größer eingeschätzt. Die Projektionen früherer Szenarien für das Jahr 2010 wurden in Realität – teilweise deutlich – überschritten. Der Rolle der erneuerbaren Energieträger wurde von der IEA im WEO im Laufe der Zeit erst sehr langsam Aufmerksamkeit geschenkt. Lange Zeit wurden sie überhaupt ignoriert oder unter „Hydro“ und „Solids“ subsumiert. Einen Wendepunkt stellt der WEO 2004 dar: Seither wird z.B. auch die Biomasse in Nicht-OECD-Staaten systematisch im Modell der IEA erfasst, was den Anteil Erneuerbarer am Primärenergieverbrauch schlagartig von 7 auf 14% verdoppelte. Seither wurde die Projektion erneuerbarer Primärenergie für das Jahr 2020 nochmals um knapp 20%, für das Jahr 2030 sogar um knapp 30% angehoben.

Abb. 2: Erneuerbare Primärenergie in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 1994 bis 2014

Abb. 2: Erneuerbare Primärenergie in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 1994 bis 2014

Im Strombereich ist der Unterschied in den jeweiligen Szenarien noch signifikanter. Die Projektionswerte für 2020 wurden zwischen WEO 2004 und WEO 2014 um knapp 50%, jene für 2030 um fast 70% angehoben.

Abb. 3: Stromerzeugung aus Erneuerbaren in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 1994 bis 2014.

Abb. 3: Stromerzeugung aus Erneuerbaren in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 1994 bis 2014.

Besonders eklatant ist, wie die Stromerzeugung aus Windenergie und Photovoltaik unterschätzt wurde. Bei beiden Technologien hat ein enormer Boom eingesetzt. Jene für Windkraft wurden um knapp 140% (2020) bzw. über 150% (2030) nach oben gesetzt.

Abb. 4: Stromerzeugung aus Windkraft in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 2004 bis 2014.

Abb. 4: Stromerzeugung aus Windkraft in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 2004 bis 2014.

Für Photovoltaik haben sich die Projektionen für 2020 verzehnfacht, für 2030 wurden sie um den Faktor sieben erhöht.

Abb. 5: Stromerzeugung aus Photovoltaik in den Referenz-Szenarien ausgewählter WEO der Jahre 2004 bis 2014

Und in Zukunft? Es geht noch mehr – es braucht noch mehr!

Das Referenzszenario („New Policies Scenario“) des WEO 2014 impliziert eine Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur von 3,6°C. Zusätzlich wird ein „450 Scenario“ entwickelt, das eine Stabilisierung der THG-Konzentration bei 450 ppm und damit eine 50%-Wahrscheinlichkeit der Beschränkung der Temperaturerhöhung auf 2°C gegenüber vorindustriellem Niveau ergibt. Die Analyse zeigt, dass die Nutzung erneuerbarer Energie im „450 Scenario“ im Jahr 2030 um knapp 20% und 2040 um 35% über dem Referenzszenario liegen würde. Diesen beiden Szenarien wird in unserer Analyse das „2DS“-Szenario der „Energy Technology Perspectives 2014“ der IEA gegenübergestellt, das ebenfalls von der Einhaltung der 2°C-Schwelle ausgeht. Es zeigt sich, dass die Entwicklung erneuerbarer Energie im „2DS“-Szenario noch deutlich über diese Werte hinausgeht. Das lässt die Einschätzung zu, dass auch in der IEA – zumindest teilweise – das Potenzial erneuerbarer Energien noch deutlich höher eingeschätzt wird als im WEO publiziert. Die Kurve wird wahrscheinlich auch in Zukunft weiter steigen:

Abb. 6: Entwicklung erneuerbarer Energien gemäß WEO-NPS, WEO 450 Scenario und ETP-2DS

Abb. 6: Entwicklung erneuerbarer Energien gemäß WEO-NPS, WEO 450 Scenario und ETP-2DS

In welche Bereiche in Zukunft investiert wird, ist die entscheidende Frage. Der geringe Ölpreis bringt viele fossile Investitionen in Turbulenzen (dazu mehr in Teil 2). Es braucht auf politischer Ebene – im Vorfeld und bei der COP21 in Paris – ein klares Signal an den Markt, ob wir den Anteil fossiler Energie verringern wollen oder nicht. Tun wir es nicht, werden sämtliche wissenschaftlich fundierten Klimaziele ad absurdum geführt.

Titelbild von wgutt lizenziert unter CC BY 2.0.
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