Wendepunkt 2020 - Covid-19 und die Klimakrise Teil 2: “The tragedy of the horizon”


Der erste Teil der Blogserie beleuchtete den Umgang mit globalen Risiken, wie sehr die öffentliche Aufmerksamkeit die Risikowahrnehmung beeinflusst, und dass wir vieles besser machen können, um insbesondere systemische Risiken zu erkennen und handlungsfähig zu sein. Angesichts der zahlreichen Beiträge zu den Folgen der Covid-19 Pandemie, stellte ich mir nochmals die Frage. Wozu? Wer braucht noch mehr Blogposts? Ist doch eh schon alles gesagt. Ja, vielleicht, aber zugleich geht es auch um den Versuch einer Einordnung dessen was wir aktuell erleben. Nicht in Form einer Selbsttherapie, oder im Bestätigen des ohnehin immer schon Behaupteten, aber sehr wohl in der Hoffnung, dass wir Menschen in der Lage sind, Gesellschaft zu gestalten. Zu versuchen, Entwicklungen besser zu verstehen, Querverbindungen herzustellen, einzuordnen, Fehlentwicklungen zu korrigieren und Sachen besser zu machen.

Die Hoffnung ist, dass es doch einen kollektiven Lernprozess gibt. Es hat auch mit einem Verständnis des Zeitalters des Anthropozäns zu tun, mit dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde geworden ist. Als Menschen haben wir seit einigen Jahrzehnten die Fähigkeit uns selbst auszulöschen, mit Waffen, Atomkriegen, aber auch indem wir derart in Ökosysteme eingreifen, sodass wir uns selbst unserer Lebensgrundlagen berauben und einen ökologischen Kollaps produzieren können. Daher geht es um gesellschaftliche Gestaltungskraft, weil wir eben auch in der Lage sind, diese potenziellen Schäden zu verhindern. Weil wir prinzipiell Intelligenz, Fähigkeit und Vermögen haben, Probleme zu erkennen und zu lösen. Auch wenn einem oft genug Anlass geboten wird, daran zu zweifeln.

Ein wesentlicher Faktor dabei: Zeit! Denn viele Krisen erfordern ein Denken in längerfristigen Zyklen. Das ist Parallele aber auch Unterschied zwischen Covid-19 und Klimakrise. Und ein Kernproblem in der Klimakommunikation.

Krisenparallelen

Oft werden derzeit Parallelen zwischen der Covid-19 Pandemie und der Klimakrise gezogen. Es gibt zahlreiche. Etwa:

  • Beide haben globalen Charakter,
  • beide können weitreichende Folgen auf die Gesundheit haben,
  • beide beinhalten einen Generationsaspekt und Gruppen, die mehr betroffen sind als andere,
  • beide werden wissenschaftlich intensiv begleitet – die Klimakrise noch mehr als die Pandemie durch den neuen Sars-CoV-2 Virus –
  • beide brauchen entschlossenes Handeln, um letztlich die schlimmsten Folgen zu verhindern
  • sie greifen zumindest temporär auch in unseren Lebensstil und soziale Normen ein. (Eine gute Beschreibung ist etwa in Luisa Neubauers Beitrag im Stern zu lesen)

Und auch im Ursprung gibt es Berührungspunkte, so dürfte der Eingriff in Naturräume und Artenvielfalt durchaus Einfluss auf die Entwicklung des Virus gehabt haben (siehe orf.at “Mensch hat Viren den Weg geebnet”) Dennoch werden die beiden Krisen offenbar unterschiedlich wahrgenommen. So scheint es, als passiere die Klimakrise weit weg, sowohl zeitlich als auch räumlich, wodurch akutes Handeln nicht notwendig wäre. Trotz Climate Emergency Beschlüsse. Der Grund liegt darin wohl in der Unmittelbarkeit der Folgen – mehr als in der Sichtbarkeit, denn Hitzewellen und Dürren sind nicht minder sichtbar als Virenerkrankungen, und damit auch im Faktor Zeit. Die Folgen unseres Handelns in der Vermeidung der Klimakrise haben einen jahrzehntelangen Zeithorizont, jene in der Pandemie zumindest in der Akutabwendung von ein paar Wochen und Monaten, und auch hier gab es im Zuge der Covid-19 Pandemie zahlreiche durchaus unterschiedliche Analysen, wie welche Maßnahmen sich in welchen Szenarien der Folgewochen auswirken würde.

The tragedy of the horizon

In diesem Kontext sei an die in der Finanzwelt bahnbrechende Rede des damaligen Gouverneurs der Bank of England Mark Carney im Jahr 2015 erinnert: „Breaking the tragedy of the horizon – climate change and financial stability.“ Carney warnte damals, dass die Klimaveränderung die Stabilität der Finanzmärkte gefährde und bezog sich auf die Studie der britischen Regulierungsbehörde PRA StudieThe impact of climate change on the UK insurance sector“. Dass mit Carney ein wichtiger Finanzmarktregulierer die Klimaveränderung thematisierte, hatte bahnbrechende Auswirkungen auf die Branche. Die Berücksichtigung von Klimarisiken in Investments und Finanzmarktprodukten, Offenlegungspflichten, Klassifizierungssysteme und Strategien sowie die Verantwortung von InvestorInnen wurden Themen. Ebenso entsprechende Maßnahmen wie Carbon Pricing.

FCFinance_Sheets_10_final-scaledZahlreiche Prozesse wurden damals mitausgelöst, die von der globalen Ebene, über die EU bis hin zur nationalstaatlichen Ebene reichen Ob diese auch entsprechend ernsthaft umgesetzt werden, ist jedoch noch offen.

Verantwortung ist dabei ein gutes Stichwort: „Tragedy of the horizon“ referenziert dabei die “Tragik der Allmende” („Tragedy of the commons“), die auf der Annahme basiert, dass frei verfügbare, aber endliche Ressourcen gefährdet sind, übernutzt zu werden. Dabei zieht jede/r Einzelne kurzfristig Nutzen, die Gemeinschaft nimmt langfristig jedoch Schaden. (siehe auch Wiki) Tragedy of the horizon geht dabei auf den Umstand ein, dass Klimakatastrophen ihre Wirkung langfristig entfalten, während politische Systeme, aber auch Entscheidungsmuster in Wirtschaft und Finanz meist kurzfristig ausgerichtet sind. So heißt es wörtlich in Carneys Rede:

“We don’t need an army of actuaries to tell us that the catastrophic impacts of climate change will be felt beyond the traditional horizons of most actors –imposing a cost on future generations that the current generation has no direct incentive to fix. That means beyond:

-the business cycle;

-the political cycle; and

-the horizon of technocratic authorities, like central banks, who are bound by their mandates. The horizon for monetary policy extends out to 2-3 years. For financial stability it is a bit longer, but typically only to the outer boundaries of the credit cycle –about a decade. In other words, once climate change becomes a defining issue for financial stability, it may already be too late.”

https://youtu.be/V5c-eqNxeSQ

Amy Harder beschreibt in ihren immer lesenswerten Beiträgen ebenso die zahlreichen Bezugspunkte zwischen den Krisen, die beide langfristige, systemische Risiken seien, die von der Gesellschaft weitgehend ignoriert werden: „With coronavirus and climate change, it’s about time

Agieren bevor es zu spät ist und die Bedrohung unmittelbar wird

Diese Warnung wurde oft ausgesprochen. Und die Arbeit der zehntausenden Klimaforscherinnen und Klimaforscher bestätigten viele der Erkenntnisse der vergangenen Jahre. Die Klimaschäden nehmen zu – siehe Dürren, Hitzewellen, Schmelzen der Polkappen, Waldbrände, Eingriffe in die Artenvielfalt etc.

Der renommierte Schweizer Klimaforscher Reto Knutti führte kürzlich im Tagesanzeiger aus, dass es sehr wohl schon ein erstes Umdenken in der Klimakrise gäbe. So hätten einzelne Ereignisse wie zum Beispiel der extrem trockene Sommer 2018, die Wahrnehmung verändert. Und Fridays for future haben auch insbesondere bei Jugendlichen etwas ausgelöst. „Aber die ganz schlimmen Folgen des Klimawandels haben wir eben noch nicht erlebt, zum Beispiel ein starker Anstieg des Meeresspiegels, brutale Hitzesommer, die sich alle zwei bis drei Jahre wiederholen. Wir empfinden den Klimawandel zumindest in der reichen Welt noch zu wenig lebensbedrohlich. Die Corona-Krise sollte uns lehren, dass uns diese Haltung sehr teuer zu stehen kommen kann.

 Was bleibt von Climate Emergency?

Ich kann jetzt hier was gestehen. Ich war immer zurückhaltend beim Begriff Climate Emergency, nicht weil ich nicht den Notfall sehen würde, sondern weil die Wahrnehmung der meisten Menschen aufgrund des Zeithorizonts anders ist. Die Frage, ob derlei Begrifflichkeiten helfen, die Klimakrise als Notfall zu verstehen, oder ob es einen Abstumpfungseffekt gibt, ist offen. Jedenfalls seien all jene Institutionen, ob auf kommunaler, nationaler, oder internationaler Ebene, daran erinnert, dass viele von ihnen trotz dem Fassen entsprechender “Climate Emergency”-Beschlüsse, diese offenbar nicht entsprechend ernst genommen haben, da es sonst einschneidendere Maßnahmen gegeben hätte. Vielleicht zeigen die aktuellen Wochen, dass Änderungen machbar sind, und nicht alle davon sind eine Einschränkung. Vielleicht ist es diese Zeit eine Chance, die Gestaltungsfähigkeit der Gesellschaft und die Krisenfestigkeit zu beweisen. Es wird auch in den kommenden Wochen darum gehen, zu zeigen, dass wir als Gesellschaft veränderungsfähig sind, und aus Krisen Neues entstehen kann. Neue Innovationen, neue Ideen, schnelleres Handeln wo notwendig. Und zugleich eine Entschleunigung wo möglich, denn gesund war unser bisheriger Lebensstil auch nicht.

Oder wie auch Monika Langthaler in ihrem aktuellen Profil-Kommentar schreibt: Das Gebot der Vorsorge, das unsere Regierung in dieser aktuellen Krise richtigerweise als oberste Priorität definiert hat, muss zur Konsequenz haben, dass in der Post-Corona-Zeit in innovative grüne Technologie investiert, auf saubere Energie umgestiegen und die Öffentlichkeit dazu gebracht werden muss, ihre täglichen Gewohnheiten und ihren Lebensstil langfristig zu ändern. Denn wenn wir das Klima und die Umwelt schützen, dann schützen wir uns selbst und unser aller Gesundheit.

Es ist wohl wie Klimaforscher Reto Knutti gut beschreibt:

Aber wir haben es immer noch in der Hand, das Schlimmste abzuwenden. Das Steuer herumreißen wie bei der Corona-Krise funktioniert allerdings im Klimaschutz nicht, hier muss man bereits reagieren, bevor die Bedrohung unmittelbar ist.“

Das sollte ein Kernsatz als politischer Auftrag sein.