Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Von Obama lernen? Live vom Politikkongress in Berlin

0

Bin wieder mal beim Politikkongress in Berlin, der in gewisser Weise State-of-the-Art der Auseinandersetzung mit Politikkommunikation in Deutschland darstellt. Auch aus Österreich sind einige Politikberater und Kommunikationsexperten der Parteien und von Unternehmen da.

Klarerweise liegt der thematische Fokus der Keyspeeches auf der US-Wahl und dem Triumph von Barack Obama.

Da schwant mir ja schon Übles in Europa. Alle Parteien pilgern derzeit in die USA (gut), schauen sich die Obama Strategie an (auch gut), übernehmen technologische Mittel (auch nicht schlecht) und betten sie potentiell in eine total andere politische Kommunikationskultur ein (sehr schlecht), nämlich die ihrer Parteien. Bin gespannt, wie die Resultate in den Superwahljahren in Deutschland und Österreich aussehen werden.

Dabei kann man von Obama wirklich viel lernen. Es wurde ohnehin schon viel darüber geschrieben. Der Beitag von Stefan Büffel auf blogpiloten.de war zuletzt spannend, auch weil der politikkommunikative Zugang von Obamas Wahlkampf nun auch für die Zeit danach übernommen werden soll. Partizipativ, community-orientiert, transparent, aber doch mit stringentem inhaltlichen Design. change.gov ist ein großartiges Beispiel dafür.

Christie Findlay, Chefredakteurin des Campaigns and Elections Politics Magazine, geht in ihrer Keyspeech natürlich auch primär auf Obama ein. Paar Eindrücke und Zahlen:

  • Die Hälfte aller Ausgaben für politische Webkommunikation im Jahr 2008 wurden von der Obama-Kampagne getätigt. Das war explizit Teil der Strategie.
  • 8 Mio. hat die Obama-Kampagne für Online-Werbemaßnahmen, vor allem Google Ads usw. ausgegeben.
  • Ein Schwerpunkt waren die Social Networks, wobei die Ausgaben da eher verhalten wirken (Facebook US$ 467 k, My Space US$ 11k).
  • Bemerkenswert: 4/5 der Spenden für Obamas Kampagne kamen aus Online-Fundraising-Instrumenten. Im Schnitt hat jeder Online-Spender US$ 100,- gespendet.
  • Das Internet nimmt dennoch nur 2% der Gesamtkosten des US-amerikanischen Wahlkampfs ein.
  • Die Werbestrategie der Demokraten basierte auf: Humor, Rapid Response, Microsites, Google Adwords.
  • Sehr schnell wurde insbesondere auf Angriffe der Gegner reagiert (sowohl Clinton in den Primaries wie auch McCain in der Präsidentschaftswahl). Dazu gehört auch professionelle Opposition Research und Monitoring.

Was in den USA seit Jahren anders läuft als bei uns, ist das Microtargeting. Waren früher – wie meine Aufenthalte in den USA gezeigt haben – die Republikaner dabei führend, haben jetzt die Demokraten das Heft in die Hand genommen. Perfekte Einschulung der Aktiven, bessere wissenschaftliche Methoden, hohes Vertrauen, perfekte Datenauswertung waren hier entscheidend.

Das alles hat dazu beigetragen, dass sich Menschen für eine Kampagne engagierten, die sich vorher noch gar nicht politisch engagiert hatten. Und genau davon können viele was abschauen.

Der Kernpunkt ist jedoch, dass der politische Träger einer Kampagne genau diese Kommunikationskultur repräsentieren muss. Wertemässig und rhetorisch. Ohne diesem Wandel wirkt’s meist patschert.

Aus meiner Sicht gilt immer: It’s all about culture.

Titelbild von Thomas Hawk lizenziert unter CC BY-NC 2.0.
image_pdfimage_print
Share.

Leave A Reply