Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

„Urbanized“ – eine neue Doku als Wegweiser in Sachen Urban Design

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Ein New York-Aufenthalt hat mir Gelegenheit gegeben, das Opening Screening mit Gary Hustwit zu seiner neuen Doku „Urbanized“ zu besuchen. „Urbanized“ beschäftigt sich mit den Kernfragen nachhaltiger Stadtentwicklung und ist Teil 3 einer losen Trilogie des Filmemachers, die sich mit Design in völlig unterschiedlichen Kontexten auseinander setzt. Die vorangegangenen Filme waren „Objectified“, mit Schwerpunkt Industrial Design, und „Helvetica“, eine Doku über Typographie und Graphikdesign.

Der Film wird in diesen Wochen in mehreren Städten ausgehend von London und New York vorgestellt. Den Versuch, den Film auch nach Österreich zu holen, wird es geben. Auch Hustwit hat diesbezüglich schon Interesse bekundet. Der Film ist meiner Meinung nach ein äußerst gelungenes, motivierendes, dichtes und kurzweilies Werk über Urban Design & Nachhaltikgeit.
Die Doku bietet großartige Bilder, kurzweilige und verständliche Interviewsequenzen mit sehr gut ausgewählten Gesprächspartnern und konkrete Beispiele, die insbesondere Best-Practice-Beispiele und Geschichten aus vielen Teilen der Welt zeigen.

Hier vorab der Trailer, bevor ich – ich glaube als  erster deutsprachiger Review zum Film überhaupt – einige Anmerkungen ergänze.

Der Film baut nicht auf einer klassischen Struktur – zuerst zeige ich das Problem, dann die Lösung – auf, sondern arbeitet sofort mit Beispielen, angereichert mit einigen Definitionen zu Beginn über Urban Design. Es gibt meiner Meinung nach starke Anlehnungen an das Urban Age-Programm der London School of Economics (LSE) und der Alfred Herrhausen Stiftung der Deutschen Bank, die mit den beiden „Endless Cities“-Publikationen Standardwerke der Entwicklung der Urbanisierung vorgelegt haben. „Urbanized“ referenziert zeitlos wichtige Persönlichkeiten wie Jane Jacobs, und spricht mit einigen der Big Names wie der brasilianischen Architekturlegende Oscar Niemeyer (in einer kritischen Auseinandersetzung mit Brasilia), Norman Foster, Bruce Katz, Rem Koolhaas und greift auf erfolgreiche Beispiele wie unter anderem die politischen Erfolge von Enrique Peñalosa in Bogota (leider hat er vergangenes Wochenende die Bürgermeisterwahl in Bogota nicht gewinnen können) oder den chilenischen Architekten Alejandro Aravena, der Häuser für insbesondere einkommensschwache Gruppen errichtet, die sehr günstig angeboten werden können, und durch flexible Gestaltungsmöglichkeiten erweiterbar sind. Oder wie Chorherr in seinem soeben erschienen Buch “Verändert” schreibt, bauen wir wieder Häuser und nicht nur jeweils vereinheitlichte Appartments, Büros, Wohnungen ohne flexible Spielräume.

Witzig auch das energiekulturelle Beispiel aus Brighton, „The Tidy Street Project“ (siehe Guardian Portrait). Hierbei erhob eine Community-Initative den Energieverbrauch der einzelnen Haushalte eines relativ überschaubauren Straßenzugs und sprayt kontinuierlich über einen längeren Zeitraum die Entwicklung des Energieverbrauchs auf: genau… die Fahrbahn. Im Gegensatz zu den Erfolgen eines Peñalosa, der unter anderem durch neue Radverbingungen und eine Neudefinition des öffentlichen Raumes in Bogota nicht nur umwelt- sondern auch sozial relevante Impulse setzen konnte, ist „The Tidy Street Project“ natürlich nur ein Mini-Projekterl. Aber allein die Szene wie Peñalosa mit dem Fahrrad auf einem Fahrradweg unterwegs ist und ständig in Kontakt mit den Menschen ist, zeigt, wie sehr es auch um Kommunikation geht, wenn wir über Mobilität reden.

nyhighlineEin schönes Beispiel ist auch die mittlerweile berühmte High Line in New York City. Die High Line ist eine seit vielen Jahren nicht mehr genutzt Hochbahntrasse im Westen von Manhatten, die dank einer Community-Initiative einzelner Bürger erhalten und auf mittlerweile über 2,3 km begrünt wurde, eine durchgängige Fußgängerverbindung geschaffen hat und öffentlichen Verweil-Raum ohne Konsumationszwang ermöglicht. Dabei entstehen völlig neue Blicke auf die Stadt, was auch Touristen zu Hauf anlockt. Kein Zufall, dass entlang der High Line mittlerweile jede Menge moderner Wohnbau entsteht. Die Nähe zu den Wohnungen ist zwar fragwürdig, denn sich von tausenden Besuchern (viele davon Touristen) täglich ins Wohnzimmer schauen zu lassen, ist vielleicht nicht nur anstrebenswert.

Dem Film gelingt es, viele unterschiedliche, durchaus komplexe Themen in nicht einmal 90 Minuten so zu behandeln, dass der Zuseher durch eine klare Struktur, gut erzählte Geschichten und großartige Einstellungen wirklich was mitnehmen kann. Er schafft Bewusstsein für die Bedeutung der Städte, mit all den unterschiedlichen Ausformungen wie den Informal Settlements in Megacities wie Mumbai oder der nahezu überall zentralen Frage urbaner Mobilität.

Der einzige Punkt, der mir fehlt, ist der unmittelbare Bezug zur Energiefrage. Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die Dominanz des Autos einer der maßgeblichsten Einflussfaktoren für die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Jene war aber nur deshalb möglich, weil das fossil-industrielle Zeitalter auf einem Faktor aufbaute: billige Energie. In erster Linie Erdöl. Als die Ölpreise knapp vor der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 (möglicherweise kein Zufall) so rasant stiegen, hat es relativ schnell einen Reurbanisierungsschub in den weitgehend zersiedelten USA gegeben. Klar, die Mortgage Krise und der Schuldendruck der Haushalte waren auch ein relevanter Faktor. Aber dennoch: Der als normal angesehen Lebensstil, jede Strecke mit dem Auto zurückzulegen und motorisiert individuell hin und her zu commuten geht sich als Standardmodell nur aus, wenn der Treibstoff billig ist. Und diese Zeiten sind ehrlich gesagt vorbei. Meiner Meinung nach eine Chance für den Städtebau.

„Urbanized“ hat jedenfalls die richtigen, zeitgemäßen Botschaften, ist inspirierend und zeigt eines: Partizipation und Engagement im kommunalen Bereich (vielleicht nicht nur GEGEN ein Projekt wie hierzustadt, sondern auch mal FÜR eine neue Idee), aber auch eine verantwortungsvolle Politik (und entsprechende Politiker) sind die Grundsäulen, um Nachhaltigkeit im Urban Design zu ermöglichen. Sonst wird sich das alles in einer Welt, in der mehr als 50% der rund 7 Milliarden Menschen in Städten leben (Tendenz weiter stark steigend), schlicht nicht ausgehen.

Dazu passend noch folgende Links, die nicht in den Text integriert wurden:

Twitter Account von Gary Hustwit (über 130.000 Follower)
Guardian Review zu „Urbanized“
NY Times Review zu „Urbanized“
In diesem Artikel von Ute Woltron im Presse Spectrum von Juni 2011 gibt es mehrere Referenzpunkte, die auch im Film angesprochen werden (Urban Age, Penalosa, Mumbai etc.).

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