Stadt, Land und ziemlich viel dazwischen. Raumstruktur und Dichte als mögliche Politfaktoren. #bpw16


Eine Woche nach der Bundespräsidenten-Stichwahl. Nach dem durchaus überraschenden Erfolg von Alexander Van der Bellen wird viel über die Polarisierung und Spaltung des Landes geschrieben. Ich halte das Polarisierungsgerede für überzeichnet; insbesondere wenn man die Auseinandersetzung von zwei (no na) Stichwahl-Kandidaten als Bezugspunkt heranzieht. Es existieren jedoch durchaus vielfältige polarisierende Muster, die Österreich kennzeichnen. Inhaltlich hat sich dies etwa zuletzt bei der Frage des Umgangs mit aktuellen Flüchtingswellen und entsprechender sprachlicher Radikalisierung in öffentlichen Foren offenbart. Auf gesellschaftsstruktureller Ebene scheint das in einigen Wahlanalysen beschriebene Stadt-Land-Gefälle relevant zu sein. Unbestritten ist, dass Alexander Van der Bellen einem überproportional hohen Anteil der Wählerstimmen aus Städten die entscheidende Mehrheit zu verdanken hat. Aber in den oft pauschalisierend und stereotypisierend wirkenden Vorstellungen von „Stadt“ und „Land“ ist meiner Meinung nach mehr Differenzierung und Präzision für tiefergehende Analysen notwendig. Schon im Kontext der Urbanisierung und Energie-/Klimafragen hat sich Guensblog der nicht ausreichenden Beschreibung der Kategorien Stadt und Land gewidmet, die den unterschiedlichsten raumstrukturellen Charakteristika nicht gerecht wird. Daher will ich in diesem Beitrag einen Blick darauf werfen, ob ein kaum verwendeter Begriff in der Analyse hilfreich ist: Dichte. Selten wird über Bevölkerungsdichte als politischer Faktor gesprochen; doch wer sich mit Kommunikationskanälen und Netzwerken auseinandersetzt, weiß, dass Dichte, Vielfalt und Größe des Kernnetzwerks von Personen für die politische Meinungsbildung außergewöhnlich relevant sind.

Im Zentrum steht die Frage, inwieweit Bevölkerungsdichte und Wahlverhalten miteinander in Beziehung stehen. Die Grundannahme lautet: Je höher die Bevölkerungsdichte, desto höher die Präferenz für Alexander Van der Bellen bei der Stichwahl. Spezifisches Interesse gilt natürlich signifikanten Abweichungen. Herangezogen wurde dafür das Verhältnis Bevölkerung pro km2 Fläche, wobei der Flächenbezug der sogenannte „Dauersiedlungsraum“ (DSR) ist. Dieser umfasst laut Statistik Austria den für Landwirtschaft, Siedlung und Verkehrsanlagen verfügbaren Raum. Grob gesagt werden also Ödland- und Gewässerflächen sowie alpine Grünlandflächen und Waldflächen nicht miteinbezogen. Der Dauersiedlungsraum nimmt nur rund 39 Prozent oder weniger als zwei Fünftel der Gesamtfläche Österreichs ein (Quelle: Diercke). Österreich ist ja nicht nur ein vielzitierterweise schönes Land, sondern auch was seine Raumstrukturen betrifft höchst vielfältig. Klarerweise weist Wien die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte auf; gefolgt von größeren und Mittelstädten sowie dem dichtbesiedelten Vorarlberger Zentralraum im Rheintal, und bereits stark verdichteten Umlandregionen der meisten größeren Städte.

Vorweg einige Auswertungen anderer Quellen:

stimmen_gemeindeDrawing Data hat schon für den ersten Wahlgang eine Auswertung nach Gemeindegröße und Präferenz für Hofer und Van der Bellen anhand ihrer Abstände angefertigt (siehe Bild). Der ebenso sehenswerte Scatterplot für den zweiten Wahlgang zeigt die Verteilung der Ergebnisse aus dem zweiten Wahlgang sehr gut.
Die Größe einer Gemeinde ist natürlich ein wichtiges Indiz, aber sagt nur bedingt etwas über die Raumstruktur aus.

PWahlberichtEine diesbezüglich bemerkenswerte Analyse liefert etwa das Land Oberösterreich, wo das Stichwahlergebnis in einem Wahlbericht nach unterschiedlichen Raum- bzw. Gemeindekategorisierungen ausgewertet wurde (Click Bild links).
Die Auswertung zeigt das Wahlverhalten etwa nach Gemeindegrößen, Arbeitszentren, Raumtypen, nach Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2015 uvm. Es zeigt sich u.a., dass Alexander Van der Bellen tatsächlich in Städten und auch im Stadtumland deutlich stärker war als etwa in stark landwirtschaftlich geprägten Gemeinden. Ländliche Verdichtungsgemeinden jedoch waren ausgeglichen. Man beachte: ländlich UND verdichtet.

 

Gesamtübersicht Österreich

Ein Blick auf die Karte der Gemeinden nach Bevölkerungsdichte und die APA-Darstellung des Wahlergebnisses zeigt natürlich Überschneidungen:

Statistik Austria: Bevölkerungsdichte Österreich (Dauersiedlungsraum)APA_Stichwahlergebnis

 

Die nach Bevölkerungsgröße visualisierte Karte von Austromorph rückt den ersten Eindruck zurecht, dass Österreich mehrheitlich Hofer gewählt hätte:

Auswertung: Bevölkerungsdichte & Stichwahlverhalten

Zur Erläuterung: In der Grafik unten sind die politischen Bezirke abgebildet (Wien ist hier aus Darstellungsgründen nur als Gesamtwert angeführt), auf der x-Achse die Bevölkerungsdichte (ab 1000 Personen/km2 wird das Intervall für den städtischen Bereich deutlich vergrößert, auch wenn dies ein wenig verzerrt). Auf der y-Achse ist die Differenz zwischen dem Stimmenanteil von Alexander Van der Bellen und jenem Norbert Hofers abgebildet und auch farblich verstärkt. Einzelne Gemeinden sind in der Gesamtübersicht beispielhaft erwähnt.

oesterreich_dichte_stichwahl

Es bestätigt sich ein durchaus klares Bild: Je geringer die Bevölkerungsdichte, desto größer die Präferenz für Norbert Hofer. Höhere Dichte = mehr Van der Bellen-WählerInnen. Jedoch gibt es auch einige relevante Abweichungen, die dann insbesondere in den Bundesländerauswertungen erkennbar werden:

Niederösterreich

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Niederösterreich ist nicht nur groß, sondern auch relativ vielfältig. Politischen Bezirken mit sehr geringer Dichte stehen hier einzelne relevante Städte und vor allem der Einfluss Wiens gegenüber. Mödling gehört zu den Gemeinden mit dem größten Vorsprung für Van der Bellen. Dem gegenüber steht als Ausreißer Wiener Neustadt mit hoher Dichte, aber nur sehr knappen Vorsprung von Van der Bellen. Dichte sagt ja nicht per se etwas über die soziale Struktur, Bildungsstand, Einkommen etc. aus, aber der Unterschied ist signifikant.

Burgenland

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Das Burgenland ist nicht nur Heimat Norbert Hofers und Wirkstätte Hans Niessls, sondern insbesondere auch dünn besiedelt. Mit 115 Einwohnern/km2 im Großsiedlungsraum weist es von den Bundesländern die geringste Bevölkerungsdichte auf. Jennersdorf ist österreichweit jener politische Bezirk mit dem größten Vorsprung Norbert Hofers auf Alexander Van der Bellen. Eisenstadt zeigt als einziger politischer Bezirk des Burgenlands einen leichten Vorsprung Van der Bellens.

Oberösterreich

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Oberösterreich ist ein interessantes Phänomen. Meiner Meinung nach kommt es überraschend, dass in Oberösterreich Alexander Van der Bellen vorne gelegen ist. Es zeigt sich, dass auch in Gemeinden mit relativ geringerer Dichte (wie Freistadt oder Perg, aber auch trotz Linz-Nähe Urfahr-Umgebung) Hofer zurückgelegen ist. Zudem ist Linz jedoch herausragend. Auch Wels überrascht angesichts vergangener Wahlergebnisse.

Salzburg

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Bei Salzburg ist einerseits der Bruch zwischen Salzburg Stadt und den anderen politischen Bezirken augenscheinlich. Im Unterscheid zu OÖ überrascht es bei Berücksichtigung der relativ hohen Dichte eigentlich, dass Norbert Hofer doch mit 52,8% eine signifikante Mehrheit hatte. Aber wie gesagt: Ein Faktor allein erklärt nicht alles.

Kärnten

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Auffallend ist in Kärnten der Unterschied zwischen Villach und Klagenfurt, der sich sowohl in den jeweiligen Städten wie auch im Umland bemerkbar macht. Signifikante Unterschiede gibt es auch in einigen Gemeinden mit vergleichbarer Bevölkerungsdichte wie Hermagor (Hofer: 54,4% – VdB 45,6%) und Wolfsberg (Hofer: 67,6% – VdB 32,4%).

Steiermark

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Auch in der Steiermark sind die Unterschiede markant. Während Graz Stadt österreichweit zu den für Van der Bellen herausragenden Bezirken gehört, ist Norbert Hofer insbesondere in jenen Bezirken mit vergleichsweise geringer Dichte stark. Es gibt eigentlich kaum politische Bezirke, wo das Verhältnis einigermaßen ausgeglichen ist. Es ist dies wohl genau einer jener Fälle, wo man von Stadt-Land-Gefälle und von Strukturschwäche sprechen kann.

Tirol

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Tirol ist ebenso ein Phänomen. Immer wieder wird der Erfolg von Alexander Van der Bellen in Tirol auf seine Herkunft zurückgeführt. Eine andere Erklärung könnte sein, dass Tirol das Bundesland mit der dritthöchsten Bevölkerungsdichte ist, wenn man den Großsiedlungsraum als Referenz heranzieht. Tirol ist zugleich das drittbeste Bundesland für Van der Bellen (auch wenn der Vorsprung auf Hofer mit 51,4% zu 48,6% gering ist).

Vorarlberg

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Vorarlberg mag – ohne echte Großstadt – im Kopf vieler Österreicher nicht gerade als urban charakterisiert werden, aber raumstrukturell weist es in seinen engen Anbindungen an mehrere Städte durchaus urbane Merkmale auf. Die Bevölkerungsdichte (GSR) ist die mit Abstand zweihöchste in ganz Österreich und auch das Wahlverhalten passt in die Korrelation. Alle politischen Bezirke haben eine Mehrheit bei Alexander Van der Bellen und zwar in vergleichbarem Ausmaß.

Wien

wien_dichte_stichwahlNun, Wiener Bezirke in Sachen Dichte miteinander zu vergleichen, mag absurd anmuten. Aber weil man nicht selten über „Flächenbezirke“ spricht, ist der Blick doch lohnend. Simmering ist der einzige Wiener Bezirk, in dem Norbert Hofer eine Mehrheit hatte. Die Mehrheit für Van der Bellen in Floridsdorf, aber auch Donaustadt, Favoriten und schon sehr deutlich in Liesing kamen dennoch überraschend.

 

 

 

Bundesländervergleich

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Nun, aufgrund der hohen inneren Unterschiede macht ein Bundesländervergleich nur bedingt Sinn. Dennoch bestätigt gerade er, dass Bevölkerungsdichte und Wahlverhalten bei der Stichwahl miteinander viel zu tun hatten. Eine Trendlinie wäre hier relativ linear.

Schlussfolgerung

Bewusst will ich auf zu voreilige Rückschlüsse verzichten. Ein klarer Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Wahlverhalten ist offensichtlich, aber er geht meiner Meinung nach darüber hinaus, was gemeinhin als Stadt-Land-Gefälle beschrieben wird. Zum einen weil es markante Ausreißer gibt; zum anderen weil die Unterscheidung zwischen Stadt und Land ohne Differenzierungs- oder Mischformen, die sich an Raumstrukturen orientieren, zu kurz greift. Es würde sich lohnen, in jedem politischen Bezirk noch vertieft in die Daten zu blicken. Jedenfalls ist dieser Blogbeitrag ein Versuch, sich verstärkt mit raumstrukturellen Aspekten in der Wahlanalyse zu beschäftigen, hierbei zu differenzieren und gegebenenfalls auch in politischen Strategien zu berücksichtigen, denn Raumstrukturen sind ein wesentlicher Aspekt von sozialen Strukturen. Und diese sind für die Meinungs- und Präferenzenbildung bzw. für entsprechende soziale Beziehungen immer noch ausschlaggebend. Sich um „strukturschwache“ Gegenden zu kümmern, ist ungleich schwieriger als in dichten Strukturen, aber genau dort ist der politische Frust häufig besonders groß. (Interessante Hinweise und Aufarbeitungen zum Stadt-Land-Gefälle gibt es u.a. auch im Artikel von Karl Gaulhofer in der Presse vom 28.5., im Kurier „Warum Frauen das Land verlassen“ vom 29.5., und zur Polarisierung sei noch der derstandard.at-Beitrag von Lorenz Ennser-Jedenastik vom 27.5. empfohlen.)

Kommentare und Hinweise auf interessante Forschungergebnise oder Blogbeiträge zum Thema sind sehr erwünscht.

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