Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Schiefergas in Österreich: eingezwängt zwischen mehreren Zielkonflikten

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Nun ist es also soweit. Mehrere Zeitungen (der KURIER online lieferte den ersten Beitrag) berichten von einem „gewaltigen Gasfeld“ in Niederösterreich. Dieses „Gasfeld“ ist jedoch kein herkömmliches Erdgasfeld, sondern gewonnen werden soll sog. Schiefergas (Shale Gas wie der internationale Begriff heißt; ich verwende einfach beide). In Poysdorf bei Mistelbach startet ein entsprechendes Pilotprojekt der OMV. Damit kommt eine Debatte nach Österreich, die in vielen anderen Staaten schon seit Jahren intensiv geführt wird. Vor allem in den USA, die an der Spitze der Shale Gas Exploration stehen, aber auch in einigen europäischen Staaten wie Frankreich, Deutschland oder Polen, wo gigantische Vorkommen bestehen sollen. Ich will diesen Beitrag nutzen, um eher nüchtern die mögliche Schiefergas Exploration in Österreich einzuschätzen, wissend, dass noch ein Begriff hinter Shale Gas steht, der Emotionen hervorruft: Fracking. Eine aufwendige Methode, das Gas zu gewinnen, die mit einigen relevanten Umweltrisiken und relativ hohen Kosten verbunden ist.

Die internationale Bedeutung von Shale Gas

Ganz kurz zur Erläuterung. Kaum ein Faktor hat die Prognosen des Erdgasmarktes in den vergangenen Jahren derart beeinflusst wie Shale Gas. Ähnlich wie bei Peak Oil hatten viele Staaten auch schon ihren Peak Gas. Wobei man konkret ergänzen muss, sie hatten ihren Peak Conventional Gas. Der Höhepunkt der neu entdeckten Gasfelder war weltweit bereits in den 60er bzw. 70er Jahren. Ähnlich wie bei Rohöl ging dann die Anzahl bzw. Gesamtkapazität der neuen Erdgasfelder zurück. Dies betrifft auch solche Staaten, die von Erdgas stark abhängig sind, wie etwa der größte Verbraucher, die USA (siehe Graphik). Die enormen Potentiale durch Schiefergas haben jedoch die Prognosen vor einigen Jahren völlig durcheinander gewirbelt (im Link eine  Übersicht über die großen Shale Gas Gebiete in den USA).

Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Quelle: http://www.cleanbreak.ca/2011/06/13/natural-gas-climate-friend-or-enemy-depends-on-how-much-heat-youre-willing-to-tolerate/

Ähnlich wie bei Öl hängen die Zukunftsprognosen auch bei Erdgas von der Gewinnung von Unconventional Gas ab. Wobei das Unkonventionelle daran nicht das Gas selbst, sondern eben die Förderung ist. Zum Unconventional Gas gehört neben Schiefergas auch Kohleflözgas und sog. Tight-Gas, wo das Gas in Sandstein zu finden ist. In den USA macht Unconventional Gas bereits mindestens 40% der Erdgas-Gesamtproduktion aus (inkl. Kohleflözgas müssten es sogar 50% sein).

In Österreich werden derzeit rund 1,3 Mrd Kubikmeter Erdgas produziert (Ende der 70er Jahre waren es knapp 2 Mrd Kubikmeter). Der Verbrauch liegt in Österreich hingegen bei 8,5 Mrd Kubikmeter (2008). Man sieht gleich, wie sich die Abhängigkeit Österreichs bei Erdgas ergibt. Daher ist die Überlegung, die Importabhängigkeit zu reduzieren, prinzipiell nicht falsch.

Die Kehrseite der unkonventionellen Gasgewinnung: Was ist Fracking?

Das Problem ist, dass all diese unkonventionellen Vorkommen nur sehr aufwendig zu fördern sind. Bleiben wir beim Schiefergas. Es befindet sich in tiefen Gesteinslagen (4.000 – 10.000 m Tiefe) und wird mit Hilfe von künstlichem Druck aufgesprengt, sodass Risse im Gestein entstehen, damit das Gas entweichen kann. Im wesentlichen werden dafür viel Wasser, Sand und Chemikalien verwendet.
Diese Methode nennt man Hydraulic Fracturing (kurz Fracking). Die Schieferplatten sind sehr hart (härter als bei Tight Gas im Sandstein, wo Hydraulic Fracturing auch schon eingesetzt wird), was auch eines enormen Energieinputs und eben dieser Methode bedarf.

Der Sand und die Chemikalien sind u.a. deshalb notwendig, damit die Risse nicht zufallen bzw. später verstopfen. Das Verfahren ist übrigens gar nicht neu; jedoch hat es sich bislang nicht gelohnt, es in großem Stil für Schiefergas einzusetzen.
Schätzungen sagen, dass pro Bohrloch ca. 35 Tonnen Chemikalien (darunter Toluol, Benzol und Xylol) genutzt werden, wovon viele toxische Eigenschaften haben. Das sog. Frack-Wasser fällt in die Kategorie Sondermüll. In den USA gab es schon eine Vielzahl an Grundwasserbeeinträchtigungen.
Und hier noch ein relevanter Punkt. Denn es ist nicht so, dass man – wie der Kurier-Titel vermittelt – ein großes Gasfeld hat, in das man eben einfach reinbohrt, sondern es sind sehr sehr viele Bohrungen notwendig (abhängig von der Flächengröße). Hier liegt auch eine der wesentlichen Unterschiede zu Tight Gas. Die Gesteinsschichten für Schiefergas erstrecken sich über große Gebiete, sodass auch horizontal angebohrt werden muss. Technisch machbar, aber aufwendig.

Insbesondere die Gefährung des Trinkwassers durch Chemikalien aber auch die lokalen Auswirkungen durch die aufwendigen Bohrungen führten zu Widerstand. In Frankreich hat das Parlament Ende Juni dieses Jahres Fracking verboten; erst vor wenigen Wochen wurden neue Anträge von TOTAL und anderen Unternehmen auf neue Förderstandorte für Schiefergas von Umweltministerin Kosciusko-Morizet nicht genehmigt.

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Der Film „Gasland“ von Josh Foy hat in den USA diesbezüglich viel zur Bewusstseinbildung beigetragen. Berühmt ist die Szene, bei der durch entweichendes Gas in der Wasserleitung Feuer entzündet werden konnte. Empfehlenswert ist übrigens auch diese „nano“-Sendung auf 3sat.

Nun, was bedeutet die Schiefergas-Perspektive für Österreich? Vorweg: Meine persönlichen Einschätzung ist, dass es noch lange dauern wird, bis es tatsächlich dazu kommt. Denn

  • erstens ist eine gewinnbringende Förderung bei den aktuellen Preisen noch schwer darstellbar;
  • zweitens hat die OMV angekündigt, auf Hydraulic Fracking wie oben beschrieben zu verzichten, sondern Schiefergas umweltfreundlich zu fördern, was aktuell meines Wissens nicht möglich ist;
  • drittens wird die Genehmigung der Förderung im großen Stil nicht konfliktfrei ablaufen.

Was schon wichtig ist, ist die Auseinandersetzung mit der österreichischen Shale Gas Perspektive. Und hier orte ich drei wesentliche Zielkonflikte:

Zielkonflikt 1 Klimaschutz: die schlechte Treibhausbilanz von Schiefergas

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© The Ice Bear Project Ltd.

Der Zufall will es, dass das Thema eine Woche vor der nächsten Klimakonferenz hochkommt. Wenn sich niemand verzählt hat, ist es COP 17. Und zugegeben, von einer substanziellen Annäherung an eine Problemlösung ist man aktuell weit entfernt.
Auch Österreichs Treibhausgasbilanz ist verheerend. Vom Kyoto-Ziel ist man meilenweit entfernt. Doch was bedeutet es für die heimische Klimabilanz, wenn Schiefergas in diesen großen Mengen gefördert wird? (Präzise quantifiziert wurde ja die förderbare Menge noch nicht, außer „riiiiieeesengroß“.)

Bei der ASPO US-Konferenz in Washington hörte ich kürzlich zwei interessante Experten: Robert W. Howarth und Anthony Ingraffea von der Cornell University. Sie analysierten die Schiefergas-Förderung und bilanzierten deren Treibhausrelevanz. Denn: Obwohl Schiefergas auch nur Erdgas ist, hat es aufgrund der Fördermethode deutlich höhere Emissionen, weil viel Methan entweicht. Die Autoren, die ihre Erkenntnisse in der September-Ausgabe von „Nature“ publiziert haben, raten von einer offensiven Shale Gas Strategie ab. Die Umweltrisken seien zu hoch und die Treibhausgasrelevanz deutlich höher als bei anderen fossilen Energieträgern. Im Papier heißt es: „Methane is a major component of this footprint, and we estimate that 3.6–7.9% of the lifetime production of a shale gas well (compared with 1.7–6% for conventional gas wells) is vented or leaked to the atmosphere from the well head, pipelines and storage facilities.“

bigchart_atlanticThe Atlantic hatte schon im April die Daten der Studie von Howarth, Ingraffea, Engleder veröffentlicht. Sie sind für einen 20-Jahres-Zyklus berechnet. Sie sind insofern erstaunlich, weil auch der herkömmlichen Erdgasförderung ein entsprechender Anteil entweichendes Methan zugeschrieben wird, was aber auch mit den in den USA verbreiteten Fördermethoden zu tun haben könnte. Bei Shale Gas ist dieser Anteil nochmals signifikant höher. Leider habe ich die Graphik für die 100-Jahre-Periode nicht. Hier ist Kohle deutlich über Erdgas; aber Shale Gas auf vergleichbarem Wert (mit Kohle).

Ein interessanter Vortrag der beiden Wissenschafter ist auf Youtube zu finden.

Zu beantworten ist also die Frage, ob man angesichts der schlechten Treibhausbilanz Österreichs tatsächlich diese zusätzlichen Emissionen in Kauf nehmen will?

Zielkonflikt 2 Energieautarkie: das war eigentlich anders gemeint

Energieautarkie ist ein zentrales Motiv für viele energiepolitische Programme in Österreich. Umweltminister Berlakovich propagiert das Ziel, dass Österreich bis 2050 „energieautark“ sein soll. Zur Zeit liegen wir knapp über 30 Prozent. Auch viele Bundesländer setzen aktuell auf Energieautarkie-Szenarien, wobei das immer nur eine bilanztechnische Frage ist – es geht nicht um technische Autarkie, also der infrastrukturellen Unabhängigkeit vom Rest der Welt. Niederösterreich beschloss vergangene Woche den Energiefahrplan 2030. Bis 2015 will man hier 100% Erneuererbare beim Strom erreichen und bis 2020 den Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergiebedarf von 30 auf 50% steigern. Das Burgenland wird bis 2014 100% Erneuerbare im Strombereich haben; bei der Wärme dauert es natürlich auch etwas länger. Für Salzburg präsentierte gestern der für Raumplanung verantwortliche Abteilungsleiter Friedrich Mayr den Plan, ebenso 50% Erneuerbare-Anteil bis 2020 anzuvisieren.

Und hier kommt der Punkt. Energieautarkie ist in Österreich mit dem Gedanken verknüpft, den Anteil der Erneuerbaren Richtung 100% zu erhöhen. Wie passt da eine proaktive Schiefergas-Vorgehensweise ins Konzept? Man könnte natürlich argumentieren, dass Energieautarkie nicht zwingend erneuerbar sein muss. Aber war das die Idee? Ich glaube nicht.

Zielkonflikt 3 Wo investitieren: Schiefergas & Nabucco? Too much, guys.

Nun, ehrlicherweise ist das kein unmittelbarer Zielkonflikt, denn im Sinne der oben beschriebenen Ziele ist wahrscheinlich weder das eine noch das andere anstrebenswert. Aber es mag schon einen guten Grund haben, warum die lange vermuteten Schiefergas-Vorkommen in Niederösterreich bislang in dieser erahnten Dimension nicht an die große kommunikative Glocke  gehängt wurden. Es ist schlicht schwer zu erklären, dass man einerseits massiv in eigene Schiefergas-Vorkommen investiert, die sich nur rentieren, wenn Gas entsprechend teuer ist, und andererseits 8 Milliarden Euro in die 3300 km lange Pipeline investiert. Logisch, Nabucco dient ohnehin nicht primär dem österreichischen Markt, aber dennoch wird die Argumentation für beide Unterfangen nicht ganz widerspruchsfrei sein.

Eines beweist die aktuelle, am Beginn stehende Diskussion jedenfalls. Derartige Projekte sind nur möglich, wenn der Gaspreis entsprechend hoch ist. Damit ist zu rechnen, denn die konventionellen fossilen Energieträger werden dem steigenden weltweiten Bedarf nich folgen können und damit teurer werden. Diese Zielkonflikte zu klären, wird entscheidend sein für die Zukunft von Schiefergas bzw. der gesamten Energieversorgung in Österreich. Es geht tatsächlich um strategische Weichenstellungen mit langfristigen Folgen.

Am Ende noch zwei Medienhinweise:

Ö1-Beitrag vom 2.11.2011: „Riskanter Rohstoffrausch. Der Streit um das Erdgas aus Schiefergestein

ORF-Weltjournal vom 23.11.2011 zu Schiefergas: „Der ausgebeutete Planet“

Titelbild von Lvklock lizenziert unter CC BY-SA 3.0.
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