Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Risk & Responsibility: Investitionen in Kohle, Öl und Gas als billionenschwere Last

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Der internationalen Divestment-Bewegung waren in den vergangenen Monaten schon mehrere Beiträge (etwa am 1.6.2015) gewidmet. Eine nun von Kapitalmarktexperten Wolfgang Rattay und mir im Auftrag der GRÜNEN erarbeitete erste Kurzstudie untersucht das Risiko fossiler Investitionen am österreichischen Kapitalmarkt. Die Präsentation des Berichts war auch Anlass eines Vortrags von „Carbon Tracker“-Mitgründer Mark Campanale im Rahmen der ersten Neongreen Hubclub-Veranstaltung am 30. Oktober in Wien. Der Blogbeitrag skizziert einige der Untersuchungsergebnisse und Aspekte der Diskussion samt kleinem Follow-Up zur OMV.

Divestment-Untersuchung für Österreich

Die erstmalige „Divestment“-Analyse des Kapitalmarkts in Österreich ist als Annäherung zu verstehen, um eine grobe Marktübersicht aber auch den Stand der Diskussion widerzuspiegeln. Bislang war Fossiles Divestment in Österreich kaum öffentliches Thema. Und das, obwohl die internationale Akzeptanz für entsprechende Strategien mittlerweile breit getragen werden (siehe auch den Klimaretter-Beitrag mit Bezug zu Thomas Piketty und Tim Jackson). Die vorliegende Kurzstudie versucht erstmals, auch für Österreich eine grobe Abschätzung über das Exposure von Unternehmen mit hohen fossilen Reserven in zentralen Kapitalmarktsegmenten durchzuführen. Auf Basis der Analyse von 385 Investmentfonds mit hohem Gesamtmarktanteil und von Gesprächen mit Marktakteuren werden die Anteile fossiler Energie in den diversen Segmenten kalkuliert und mit internationalen Zahlen verglichen. Sie soll die Diskussion über Risiko aber auch Verantwortlichkeit des Kapitalmarkts zum Klimawandel stimulieren. Auftraggeber der Studie ist der Grüne Klub im Parlament (NR-Abg. Christiane Brunner). Durchgeführt wurde sie von Wolfgang Rattay (Green Alpha) und mir. Die Ergebnisse kurz zusammengefasst:

  • Ob der norwegische Pensionsfonds, die Stanford University oder die Bank of England: Laut einer aktuellen Studie von Arabella Advisors (22. September 2015) haben sich bis dato 436 institutionelle und tausende private AnlegerInnen, die ein Gesamtvolumen von 2,6 Billionen US-Dollar repräsentieren, dazu bekannt, sich aus Investitionen in fossiler Energie zurückzuziehen. Damit hat sich das desinvestierte Kapital um den Faktor 50 innerhalb eines Jahres erhöht. Das Bewusstsein über öffentliche sowie private Finanzinstitutionen wie Pensionskassen, Banken, Versicherungen, Universitäten, religiöse Institutionen und staatliche Einrichtungen, die Milliardenbeträge in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen ohne Berücksichtigung der klimapolitischen Dimension investieren, ist international gestiegen.
  • In welche Bereiche Kapital fließt, ist entscheidend für die Struktur der zukünftigen Energieversorgung – und damit für das Klima. Zunehmend wird auch das finanzielle Risiko derartiger Investitionen gesehen. Unternehmen, deren Bewertung in hohem Maße vom Wert fossiler Reserven abhängt, werden zunehmend als Risiko betrachtet. In Österreich ist das Bewusstsein darüber noch relativ gering. Eine explizite Divestment-Strategie ist bei institutionellen Anlegern noch kaum erkennbar. Entsprechend gering ist die Transparenz für individuelle AnlegerInnen.
  • Ein Erreichen der Klimaschutzziele setzt voraus, mindestens zwei Drittel der fossilen Reserven ungenutzt zu lassen. So müssen etwa über 80 Prozent der Kohlereserven zur Erreichung des 2°C-Ziels bis 2050 im Boden bleiben (im Szenario ohne Carbon Capture Storage sind es sogar 88%). Bleibt der Großteil der fossilen Reserven ungenutzt, droht den in diesem Bereich aktiven Unternehmen ein massiver Wertverlust.
  • Im Rahmen einer Studie im Auftrag der Europäischen Grünen wurde im Jahr 2013 untersucht, inwieweit 43 der größten Banken und Pensionsfonds in fossile Energien investiert haben, und unter Einbeziehung verschiedener Szenarien die möglichen Verluste berechnet. Mehr als 1 Billion Euro sind im EU-Raum in fossilen Energien veranlagt. Die Schätzungen belaufen sich auf ca. 260-330 Milliarden € für die Pensionskassen in der EU, auf 460-480 Milliarden € für Banken und auf 300-400 Milliarden € für Versicherungsunternehmen.
  • Den Berechnungen der gegenständlichen Untersuchung zufolge sind in den untersuchten Segmenten mindestens 21,1 Milliarden Euro des österreichischen Kapitalmarkts an fossile Reserven gebunden und somit als riskant einzustufen. Die analysierten Bereiche decken rund zwei Drittel des österreichischen Kapitalmarkts ab. Hochgerechnet auf den Gesamtmarkt kann somit von einem Gesamtexposure von mindestens rund 28 bis 30 Milliarden Euro ausgegangen werden. Der Anteil korrespondiert somit recht gut – verglichen etwa mit der Wirtschaftsleistung – mit dem europäischen EU-Vergleichswert.
  • Bei allen betrachteten Unternehmen zeigte sich aber eine klare Tendenz zum Ausstieg aus dem Kohlesektor.

Das Carbon Bubble-Risiko in Folge geringerer Nachfrage nach fossiler Energie

DSC_0846Wer die Divestment-Diskussion verfolgt, weiß, dass die britische Initiative „Carbon Tracker“ enorm wichtig war, um das Bewusstsein über Risiko und Verantwortlichkeit im Verhältnis von Kapitalmarkt und Klimaschutz unter die Lupe zu nehmen. Der im Jahr 2011 erschienene Bericht „Carbon Bubble“ war wegweisend für die Einschätzung der Treibhausgaswirksamkeit fossiler Reserven der Top 200 börsennotierten Kohle-, Öl- und Gasunternehmen. Ausgehend von einem begrenzten Carbon Budget zur Einhaltung des 2°C-Ziels wurden die Risiken eines enormen Wertverlusts dieser Unternehmen bewertet. Ein Risiko, das sich letztlich auch für deren Anleger gestaltet. Wie Wolfgang Rattay in seine Vortrag hingewiesen hat, haben fossile Aktien zwischen Anfang 2014 und September 2015 – begleitet von einem enormen Preisverfall bei Rohöl aber auch Kohle – im Vergleich zum S&P-Leitindex über 40% an Wert verloren (seit Anfang 2015 waren es etwa 22%). Ob dies – wie manche Kapitalmarktexperten meinen – nur ein zyklische Bewegung sei oder nachhaltiger Trend werde sich weisen. Wie der jüngste Carbon Tracker-Bericht „Lost in Transition“ zeigt, wird jedoch die Nachfrageentwicklung im Bereich fossiler Energie in vielen konventionellen Szenarien überschätzt. Business-as-usual wird nicht der Weg in die Zukunft sein. Denn erstens braucht es radikale  Veränderungen, um dem Klimawandel einigermaßen Einhalt zu gebieten, und zweitens zeigt die Entwicklung im Bereich erneuerbarer Energie und Energieeffizienz, dass viele bisherige Erwartungen übertroffen wurden (siehe dazu den Guensblog-Beitrag zum WEO 2014). Auch der neue World Energy Outlook der IEA ist vor diesem Hintergrund in seinem Hauptszenario als konservativ einzuschätzen.

Business-as-usual! Quo vadis OMV?

Der österreichische Staat, dessen Investitionspolitik im Zuge der österreichischen Untersuchung nicht unmittelbar erfasst wurde, liefert ebenso eine relevante Risiko-Komponente durch seinen nicht unbeträchtlichen Anteil an der OMV (31,5 % Anteil, gehalten über die ÖBIB, die Österreichische Bundes- und Industriebeteiligungen GmbH, die im März 2015 aus der ÖIAG hervorgegangen ist). Wie viele andere Öl- und Gasunternehmen hatte auch die OMV unter den zuletzt stark gesunkenen Ölpreisen zu leiden. Aber wie schaut die langfristige Zukunftsstrategie aus? Unter dem neuen CEO Rainer Seele wird derzeit an dieser Neuausrichtung gearbeitet. Der erste große öffentliche Auftritt Seeles zusammen mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder am 9.11. in der Wiener Hofburg war ein erschreckend offensichtliches Beispiel, dass offenbar mehr als in den vergangenen Jahren auf konventionelle Szenarien gebaut wird. Klarerweise ist von einem Mineralölkonzern nicht zu erwarten, dass er Retter des Weltklimas wird. Aber vor dem Hintergrund einer mittlerweile von den G7-Staaten so benannten Dekarbonisierung der Weltwirtschaft in diesem Jahrhundert und der Notwendigkeit, aus Klimaschutzgründen den fossilen Energieverbrauch drastisch zu reduzieren bzw. ersten Anzeichen in diese Richtung, mutet es sehr old-school an,  auf möglichst weitgehende Nutzung fossiler Reserven zu hoffen. Ganze 75 Minuten dauerte es, bis in den Ausführungen von Seele und Schröder das Wort Klimaschutz vorkam. Dem offensiven Engagement der OMV in Russland – samt bevorstehendem Asset-Tausch mit Gazprom – ist ungeachtet der politischen Bedeutung von Northstream mit Skepsis zu begegnen. Es stellt sich die Frage, wie – unabhängig von kurzfristigen Profitinteressen des Staates – die langfristige strategische Positionierung der OMV aussieht bzw. welche Interessen die Republik als relevanter Eigentümer vertritt (siehe auch den Leitartikel vom 6.11. von Reinhard Göweil in der Wiener Zeitung). Eine Debatte darüber wäre auch vor dem Hintergrund neuer fossiler Verbrauchsszenarien notwendig. Mit Business-as-usual (von Russland bis Iran) wird man langfristig sowohl in Sachen Risiko wie auch Verantwortlichkeit möglicherweise in Schwierigkeiten kommen.

Abschließend noch ein Hinweis auf den Standard-Artikel von Günther Strobl zur Studie
und weitere Eindrücke von der Veranstaltung:

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