Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Raus aus dem Öl? In Österreich ist das Gegenteil der Fall

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„BP boykottieren!“ fordern derzeit viele. Ich teile die Empörung über diese in Geldmitteln nicht darstellbare oder aufwiegbare Schweinerei am Golf von Mexico. Aber nur ein leicht geschärfter Blick zeigt, dass es nicht nur um einen Big Player wie BP geht, sondern die einzige Antwort auf diese Tragödie lautet: Raus aus der Öl-Abhängigkeit! Ich halte daher bei aller Wut nichts von Boykott-Aufrufen eines Unternehmens. Sondern es geht darum, sich von diesen klebrigen Fesseln zu befreien. Es geht darum, strukturell Wege zu beschreiten, die uns von dieser Form der Energieversorgung, also den fossilen Energieträgern, loslösen. Wissend, dass das nicht in paar Tagen geht.
Die bittere Erkenntnis dieses Blogpost ist: In Österreich ist in vielen Bereichen das Gegenteil der Fall! Aktueller Anlaß: die Marktentwicklung bei Einzelöfen 2009.

Wir kürzlich Der Standard in seiner übrigens sehr lesenswerten, neuen Beilage ÖkoStandard beschrieben hat, ist das Zeitalter von „Easy Oil“ vorbei. Die Ölförderung wird immer aufwendiger und teurer. Und es steht noch ein wichtiger Satz vom ÖGUT-Energieexperten Michael Cerveny drinnen, wenn er sich auf die aktuell bekannten Daten des Deep Horizon Oil Spills bezieht: „Wir sind BP. Österreich verbraucht im Jahresschnitt zweieinhalbmal so viel Öl fürs Heizen, elfmal so viel an Treibstoffen.“

Ein guter Anlaß also, einen Blick auf einige aktuelle Zahlen zu werfen. Die soeben erschienene Marktstatistik „Innovative Energietechnologien in Österreich. Marktentwicklung 2009“ (BMVIT) bietet sehr gutes Material. Neben einigen erfreulichen Entwicklungen (wie dem deutlichen Plus bei der Photovoltaik) gibt es auch Bad News.

Pellets & Wärmepumpe: leichtes Minus 2009 …

biomassekessel2(Click to enlarge. Alle Graphiken BMVIT 2010: Innovative Energietechnologien in Österreich Marktentwicklung 2009) Nach einem kontinuierlich hohen Wachstum des Markts für Biomassekessel zwischen 2000 und 2006 gab es 2007 einen Einbruch von über 60%. Ursache dafür war die Verknappung am Pelletsmarkt und entsprechende Unsicherheit von InteressentInnen.
Im Jahr 2008 konnte der Pelletsmarkt wieder relativ schnell Vertrauen gewinnen und das Niveau von 2006 erreichen. Aber was passierte 2009? „Im Jahr 2009 kam es neuerlich zu einem Rückgang des Verkaufs um 24%. Ursache dieses letzten Rückganges war allerdings das geringe Heizölpreisniveau und eine neue Investitionsförderung der österreichischen Mineralölindustrie für neue Ölkessel.“, heißt es im BMVIT-Bericht. Eine wichtige Anmerkung, denn der Pelletspreis ist stabil geblieben. Dennoch: Wurden im Jahr 2008 11.101 Pelletskessel verkauft, waren es 2009 8.446.

Ein Blick auf die Wärmepumpe, die in den vergangenen Jahren einen starken Boom erlebt hatte und die ebenso in unmittelbarer Konkurrenz zum Öl-Einzelofen steht:

wp_2009Der gesamte Wärmepumpen-Inlandsmarkt hat sich bezüglich der verkauften Stückzahlen aller Kategorien und Leistungsklassen (Heizungs-, Brauchwasser- und Wohnraumlüftungswärmepumpen) vom Jahr 2008 mit 18.641 Anlagen auf das Jahr 2009 mit 17.997 Anlagen um 3,8% verringert. Der Marktrückgang war dabei vor allem im zweiten Halbjahr 2009 zu beobachten. Die Daten sind zwar insgesamt nicht schlecht, aber dennoch gibt es erstmals Stagnation (was zu einem geringen Anteil auch mit krisenbedingt generell verringerter Neubau-Aktivität zu tun hat). Aber, zum Vergleich:

… vs. Ölheizungen 2009 + 84%

Im Vergleich zu 2008 stieg der Verkauf von Ölheizungskesseln 2009 laut Angaben des Instituts für die wirtschaftliche Ölheizung um 84% an. Besonders auffallend war der Anstieg im dritten Quartal mit plus 182%. Diese Zahlen gehen aus einer Erhebung der Kessellieferanten Österreichs hervor.
Das große Plus geht einher mit einer neuen Förder-Kampagne der Ölindustrie. Seit Mitte 2009 erhält man bei bei Erneuerung einer alten Ölheizung und der Umstellung auf neue Ölbrennwertgeräte einen einmaligen Zuschuss bis zu 3.000,- Euro. Innerhalb eines Jahres wurden knapp 11.000 neue Ölheizungen direkt gefördert (also mehr als Pelletskessel insgesamt verkauft wurden).
Jetzt hat der 2009 im Vergleich zum Vorjahr geringere Ölpreis ebenso dazu beigetragen. Allerdings ist das sehr kurzsichtig. Denn on the long term wird Öl wieder teuer, was sich schon heuer wieder bestätigt.

Es ist keine Frage, dass die Umstellung von einem alten Ölkessel auf eine neue Ölheizung im unmittelbaren Vergleich Effizienzsteigerung und Emissionsreduktionen bringt. Aber im Vergleich zu erneuerbaren Energieträgern eben deutlich weniger. Und vor allem: Die jetzige Umstellung manifestiert die strukturelle Abhängigkeit vom Öl für viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte!

pelletsvsolDas Bittere daran ist: Durch das Plus bei der Ölheizung (die Zeiträume sind nahezu deckungsgleich) ist auch das leichte Minus bei Pellets und Wärmepumpe erklärbar. Es gibt hier definitiv einen Zusammenhang. Und das, obwohl im Brennstoffvergleich Pellets kontinuierlich stabiler und günstiger sind (siehe Graphik) – die Wärmepumpe ebenso.

Die Wege und Technologien um auf erneuerbare Energien umzusteigen, sind da. Insbesondere im Raumwärmebereich, und ganz spezifisch bei Einzelöfen. Wenn die Maßnahmen der Ölindustrie derart greifen, braucht es Gegenmaßnahmen. Die Branche (Pellets) hat bereits reagiert, aber es braucht auch eine klare politische Strategie, die ein Ziel verfolgt, das in allen aktuellen Spardiskussionen gar nicht vorkommt: Wir müssen raus aus der Ölabhängigkeit!

Titelbild von Friedrich Böhringer lizenziert unter CC BY-SA 2.5.
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