Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Politik und die Kunst, Diskrepanzen zu überwinden… Teil 1: die SPÖ

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Es ist ja wirklich nicht ganz leicht für Wahlstrategen und Spitzenkandidaten, die mutmaßlichen halt. (Jene sind ja erst als solche zu nennen, wenn von ihrer Partei dazu gewählt. Aber gut, darum geht’s jetzt nicht.)

Nahezu alle antretenden Parteien (abgesehen von denen weit rechts am Rand, also FPÖ und BZÖ) haben ihr jeweiliges ganz spezifisches Dilemma zu überwinden. Nämlich WählerInnen-Potentiale in teils sehr unterschiedlichen Gruppierungen zu finden. Schauen wir uns den strategisch relevanten DF an (Maßzahl der zu überwindenden Diskrepanz im WählerInnenpotential; maximal = 10):

Heute die SPÖ.
Hier liegt der DF derzeit ca. bei 9, also im tiefroten Bereich. Warum?

Einerseits hat die SPÖ viele KernwählerInnen, die dem klassischen ArbeiterInnenmilieu (Mehrheit männlich) zuzuordnen sind. Hier gibt es durchaus eine große Schnittmenge mit der FPÖ. Die Krone hat als nahezu singulär verwendetes Leitmedium viel nachgeholfen. Wohl einer der Gründe, warum die SP ihre Linie in Sachen Volksabstimmung zum EU-Reformvertrag geändert hat und die Achse Faymann-Dichand so zentral wird. Mit Faymann kam ein diesbezüglicher Schwerpunktwechsel. Ob diese WählerInnen auch zur Wahl gehen oder nicht ein Teil davon nicht dennoch FPÖ wählt, kann jedoch noch nicht abgeschätzt werden. Auch für eine Beurteilung der Person Faymann in diesem Bereich ist es zu früh.

Andererseits: Es gibt insbesondere im urbanen Bereich (Schwerpunkt Wien) viele SPÖ WählerInnen, die sich was anderes erwarten, politisch wie inhaltlich. Hier sind StudentInnen, unterschiedliche Berufsgruppen, generell eine deutlich höhere sozio-kulturelle Diversität zu finden. Hier geht es auch um gesellschaftliche Liberalität, Kreativität und Innovationsfähigkeit.

Das Problem ist, dass es Widersprüche gibt, wenn man beide (sehr sehr grob umfassten) Zielgruppen erreichen will. Z.B. die Rechte gleichgeschlechtlich Liebender: Für das FP-nahe Milieu ein abschreckendes Thema, für die urbanen SP-Sympathisanten durchaus ein Anliegen. Ähnlich auch die Integrationsfrage. Die einen haben tendentiell eine Negativeinstellung zur Zuwanderung und schimpfen über „die Ausländer“; die anderen sehen das deutlich offener und wollen eine offensive Integrationspolitik bzw. sind für weitere Zuwanderung.

Es gibt mehrere Strategien, mit diesem Dilemma umzugehen. Eine wäre, die Themen zu ignorieren, welche die eigene WählerInnenschaft spaltet. Die Gefahr dabei: jene sind es zugleich, die oft vom politischen Gegner thematisiert werden und: bleiben dann noch Mobilisierungsthemen übrig? Genau jene fehlen der SPÖ z.B. noch.

Natürlich hängt es davon ab, welche Person für die jeweilige Partei ins Rennen geht. Erfolgreich im Diskrepanzen überwinden waren z.B. Zilk und sogar noch mehr Häupl. Einerseits der Burgermasta, der im Fiakerstyle fast immer volksnah den Spritzer in der Hand hält, andererseits der Stadtchef, der auch das intellektuelle Gespräch führen kann. Diese Rolle hat zwar zuletzt etwas gelitten, und die Marke Häupl würde wohl im Westen des Landes nicht so gut funktionieren. Aber: Beide Rollen in einer Person sind immer authentisch gewesen und damit ein Geheimnis seines Erfolgs.

Aber noch schwieriger hat es Faymann. Denn er deckt derzeit weder die eine noch die andere Rolle ab. Den Boulevard versucht er zu erobern, was taktisch verständlich ist. Aber wie gesagt hier steckt er im Dilemma, denn mit der neuen EU-Linie wurden viele potentielle SP-WählerInnen vergrault und 10 Wochen sind sehr sehr knapp, um den DF durch Vermittlung eines mobilisierenden Kernanliegens zu reduzieren.

Titelbild von SPÖ-Kommunikation lizenziert unter CC BY-SA 2.0.
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