Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Ölpreis-Hoch und die Konsequenzen: Die Ölheizer in der Energiearmutsfalle?

0

Oh, quelle surprise! Der Ölpreis ist seit Tagen also wieder dreistellig unterwegs. Gestern erreichte die für Europa relevante Nordsee-Sorte Brent 119 USD; die für den US-amerikanischen Markt dominierende Sorte WTI lag ebenso zeitweilig über 100 USD. Jetzt soeben liegt er wieder drunter. (Der ansonsten unübliche Preisunterschied zwischen den beiden Sorten wird mit den vollen Lagern in den USA, vor allem in Cushing, erklärt, die den WTI-Preis geringer halten.)

Anlass für das Ölpreis-Hoch sind die Umstürze in Libyen und die generell vermeintlich instabile politische Situation im arabischen bzw. nordafrikanischen Raum. Das spekulative Element in der Ölpreisbildung hat also – wie immer – einen realen Grund.

Und trotz des aktuellen Sprungs ist der Trend schon ein längerfristiger. Es ist ein Irrglaube, anzunehmen, dass die 150 USD, die wir 2008 hatten, primär auf der Spekulationsblase aufgebaut waren. Dahinter stehen Fundamentals, die schlicht auf dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage beruhen, und der immer teureren Exploration und Förderung von Ölfeldern. Spekulation im größeren Stil dürfte das Add-On sein, das aber auf irgendeiner Substanz aufbauen muss. Die Korrelationen zwischen Weltwirtschaftswachstum (oder eben Negativwachstum) und Ölpreis sind ja auch kein Zufall.

rohoel_tecson

Quelle: TECSON

Die Graphik links (Quelle: http://tecson.de/oelweltmarkt.html) zeigt die Ölpreisentwicklung der letzten Jahre. Also Rise & Fall 2008, kontinuerlicher Anstieg 2009 und – mit Unterbrechung – 2010; derzeit sind wir wieder im High mit Luft nach oben.
Wo der Punkt ist, bei dem die Weltwirtschaft substantiell aufgrund des hohen Ölpreises ins Stocken gerät, darüber herrscht keine Einigkeit. Sind es 150 USD? Oder 140? Oder doch höher? Oder auch längerfristiger über 100 USD? Eine Wechselwirkung wird jedenfalls bei einem weiteren Anstieg kaum zu vermeiden sein. Denn der Ölpreis zieht andere fossile aber auch – deutlich abgemildert – nicht-fossile Energieträger mit.

Und es zeigt sich wieder mal – wie schon 2008 – offensichtlich: Wir sind massiv abhängig vom Öl, das wie Blut durch die Adern unserer Weltwirtschaft fließt.

Kürzlich präsentierte die ÖGUT einige Berechnungen zu den Konsequenzen eines weiteren Ölpreisanstiegs. Und zwar die Folgen für österreichische Haushalte – auf die Energiekosten bezogen (von Lebensmittelpreisanstieg etc. ist hier also nicht die Rede). (Die Untersuchung war auch Teil des interessanten ZERsiedelt-Projekts.) Dabei werden u.a. die Auswirkungen eines angenommenen Rohölpreises von 200 USD (rund 150 Euro) pro Barrel auf verschiedene Haushaltstypen untersucht.

Nun ist schwer zu sagen, ob sich ein derart hoher Ölpreis so lange halten kann, aber die Graphik ist interessant, weil es die massiven Unterschiede zwischen den Energieträgern zeigt. Vor allem Haushalte mit hohem Heizöl- und/oder hohem Treibstoffverbrauch wären mit jährlichen Mehrkosten von rund 5.000 Euro betroffen. Wer die strukturelle Abhängigkeit erkennt (Verhältnis Stadt-Land), müsste eigentlich politisch alle Alarmglocken erklingen lassen.

oegut_e_mehrkosten

Quelle: ÖGUT

Dass wir bei der Mobilität ein strukturelles Problem haben, ist klar. Aber am ärgsten dran sind die Ölheizer. Und – man halte sich fest – derer gibt es noch 820.000 in Österreich. Wie schon in vorangegangenen Beiträgen auf Guensblog gezeigt, erhalten jene massive Anreize, „im Öl“ zu bleiben.

Was ist die Konsequenz daraus? Außer, dass wir „Raus aus dem Öl“ müssen, sprich die Abhängigkeit von Öl und anderen fossilen Energieträgern reduzieren, was wir ja allgemein formuliert schon lange wissen.

Neue Mobilitätskonzepte braucht das Land. Jene brauchen Zeit bis zur Realisierung, aber daran führt kein Weg vorbei. Das muss politisch klar werden.

Und: In den kommenden Jahren braucht es auch aus sozialen Gründen eine Zielgruppenorientierung Richtung Ölheizer. Die Mineralölindustrie macht das äußerst geschickt, in dem sie Endkunden mit älteren Ölkesseln adressiert und ein attraktives Angebot macht. Die öffentlichen Förderungen für einen Umstieg auf Alternativen sind da; nutzen aber noch zu wenig. Ja sogar in Wien wünschen sich manch Kunden noch neue Ölkessel. Trotz Fernwärme in Reichweite, trotz auch urbaner Möglichkeit, einen Pelletskessel zu installieren. Eigentlich müsste man diese Dummheit verbieten.
Denn hallo: Wir reden über mehrere tausend Euro Mehrkosten im Jahr, wenn der Ölpreis weiter rasant steigt. Jene, die jetzt vergleichsweise günstig in einen Ölkessel investieren, werden das später über die Brennstoffkosten wieder abstottern. Nicht sehr investiv gedacht und da es sich oft nicht um einkommensstarke Haushalte handelt, ein Türöffner Richtung Energiearmut.

Politische Konsequenz: Von den österreichweit 820.000 muss es gelingen, in den kommenden vier Jahren mehrere hundert tausend zum Umstieg und idealerweise zu Sanierungsmaßnahmen zu bewegen. Jene, die neue Ölkessel haben, kann man wohl vergessen. Aber es gibt die älteren Kessel. Es geht nicht nur um Förderung, sondern auch um (marketingsprech jetzt) Targeting und eine Kultur, wo völlig klar ist, dass mit Öl heizen ziemlich daneben ist.

Weitere Beiträge zum Thema auf Guensblog siehe hier: Tag Peak Oil

Titelbild von Ken Teegardin lizenziert unter CC BY-SA 2.0.
image_pdfimage_print
Share.

Leave A Reply