Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Leave the oil in the soil, the coal in the hole… Was es mit „Fossil Divestment“ auf sich hat.

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Die alljährlich in Wien stattfindenen Erdgespräche am 28. Mai 2015 waren erstmals auch in Österreich Anlass, über die aktuelle Kampagnenbewegung „Fossil Divestment“ zu reden. Der US-Soziologe Robert Bullard war zu Gast und beleuchtete vor dem Hintergrund von Climate Justice einige Aspekte von Divestment. Als Teilnehmer der Pressekonferenz und Moderator einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Talking clean and acting dirty – Climate Justice and Divestment“ war ich auch Teil des Themenschwerpunkts. Parallel widmet sich auch ein von mir mitbetreuter Beitrag im aktuellen VCÖ-Magazin der Zukunt fossiler Investitionen. Anlässe genug, auch im Rahmen von Guensblog einige Aspekte von Divestment zu beleuchten:

 „Leave the oil in the soil, the coal in the hole, the tar sands in the land…“ *

Das Ziel von „Divestment“-Initiativen ist der Abzug von Vermögen und Kapitalanlagen, die zur Finanzierung der fossilen Energiegewinnung und damit zum Klimawandel beitragen. Öffentliche und private Finanzinstitutionen wie Pensionskassen, Banken, Versicherungen, Universitäten, religiöse Institutionen, aber auch der Staat selbst investieren Milliardenbeträge in Kohle-, Öl- und Gasunternehmen ohne Berücksichtigung der klimapolitischen Dimension. Investitionen in CO2-intensive Technologien („Carbon Investments“) stellen nicht nur ein enormes ökologisches, sondern auch ein großes finanzielles Risiko dar. Viele Finanzmarktexperten sprechen schon von einer sog. CO2-Blase („Carbon Bubble“), da zur Einhaltung des 2°C-Ziels die Verbrennung fossiler Energieträger beschränkt werden muss und diese Unternehmen massiv an Wert verlieren könnten. Die Aktien werden zu sogenannten „stranded assets“ (verlorene Vermögenswerte). Im Rahmen einer Studie im Auftrag der Europäischen Grünen wurde untersucht, inwieweit 43 der größten Banken und Pensionsfonds in fossile Energien investiert haben, und unter Einbeziehung verschiedener Szenarien die möglichen Verluste berechnet. Mehr als 1 Billion € sind demnach in fossilen Energien veranlagt. Die Schätzungen belaufen sich auf ca. 260-330 Milliarden € für die Pensionskassen in der EU, auf 460-480 Milliarden € für Banken und auf 300-400 Milliarden € für Versicherungsunternehmen.

 Begrenztes Carbon Budget als Grundlage

Der Grundgedanke von Fossil Divestment baut stark auf der Erkenntnis auf, dass mehr fossile Reserven als gesichert gelten als wir im Sinne des sog. 2°C-Ziels verbrennen dürfen. Im Zuge eines Beitrags für das aktuelle VCÖ-Magazin haben wir versucht, das zu visualisieren.

Vorweg sei angemerkt, dass das 2°C-Ziel eine Art politischer Konsens ist, der vielen eigentlich zu wenig ist, da die Folgen der Erdwärmung auch unter 2°C schon verheerend sein können. Andere Perspektiven (siehe Oliver Gedens Beitrag) halten das Festhalten an 2°C maximaler Erderwärmung für mittlerweile unrealistisch und empfehlen mehr Realismus in der politischen Zielsetzung, aber auch mehr Ehrlichkeit durch die politikberatende Forschung. Weiters ist bei all den kursierenden Gigatonnen (Gt) CO2-Angaben zu berücksichtigen, dass wir von unterschiedlichen Szenarien ausgehen, die unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten in den IPCC-Berichten ausdrücken. Wenn z.B. im Text steht, dass es notwendig ist, die kumulierten CO2-Emissionen seit dem Jahr 1870 weltweit auf etwa 2.900 Gt CO2 einzuschränken, so ist damit jenes Szenario gemeint, nach dem die mittlere globale Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 66 Prozent auf weniger als zwei Grad begrenzt werden könnte. Dies erklärt mitunter, warum  neben den unterschiedlich gewählten Zeiträumen – auch manchmal unterschiedliche Angaben als CO2-Budget zu lesen sind. Wir haben uns am kürzlich in „Nature“ erschienenen Beitrag „The geographical distribution of fossil fuels unused when limiting global warming to 2 °C“ von Christophe McGlade & Paul Ekins (University College London, Institute for Sustainable Resources) orientiert, der nämlich zwischen einzelnen Energieträgern, der regionalen Verteilung  ihrer Reserven und  methodisch zu Grunde gelegt  ihren Kosten unterscheidet. Mc Glade & Ekins kommen zur Erkenntnis, dass ein Drittel der Öl-Reserven, die Hälfte der Gas-Reserven und über 80 Prozent der Kohlereserven zur Erreichung des  2°C-Ziels bis 2050 im Boden bleiben müssen. Was übrigens erst bei genauerem Studium des Papiers klar wird, ist, dass sich diese Werte auf jenes Szenario beziehen, das eine erfolgreiche Nutzung von CCS (Carbon Capture Storage) zur Grundlage hat. Ohne CCS ist der Anteil der ungenutzt bleibenden Kohle bei 88%. Für das verbleibende CO2-Restbudget haben wir der Einfachheit halber auf Basis der IPCC-Annahme, dass das Restbudget zur Erreichung des 2°C-Ziels zwischen 2011 und 2050 bei 870–1,240 Gt CO2 liegen würde  für das Chart bei 1.000 Gt gerundet (das Nature Papier hat 1.100 Gt als Bezugswert genommen).

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Die Grafik soll verständlich machen, dass der durch den Klimaschutz notwendige Einschnitt massiv ist und auch eine Differenzierung zwischen den Energieträgern notwendig ist. Zu Recht adressieren viele Divestment-Initiativen die Kohlenutzung. Dass der zu reduzierende Kohleanteil  im Vergleich zur möglichen Ausbeutung  so hoch ist, hat einerseits mit dem hohen Treibhausgaspotenzial von Kohle zu tun und andererseits mit den größeren verfügbaren Reserven. Dazu noch eine Erläuterung: Die „Nature“-Publikation und damit die Aussage „Zwei Drittel müssen im Boden bleiben“ bezieht sich auf „Proven Reserves“, also gesicherte Reserven, die unter aktuellen technischen Bedingungen nutzbar gemacht werden können. Die Schätzung für Ressourcen ist noch viel höher.

Wie effektiv ist Fossil Divestment?

Ob Divestment wirklich erfolgreich sein kann, wird sich erst weisen. Jedenfalls ist klar, dass eine neue Bewegung entstanden ist, die Druck macht. Enorme Summen aus dem Kapitalmarkt haben etwa den Erfolgsweg des viele Jahre zu teuren Schieferöls ermöglicht und werden  Stichwort Ölsande und Arktis  immer mehr ökologische Tabuzonen überschreiten.

Und die Liste der Divestment-Erfolge ist lang: Ob die US-amerikanische Stanford University, die aus Kapitalanlagen bei der Kohlegewinnung aussteigt oder die University of Washington mit einem ähnlichen Beschluss (2,8 Milliarden US-Dollar); die Church of England (Ausstieg aus Kohle und Ölsanden), der norwegische Pensionsfond oder eine Vielzahl an Städten und Gemeinden in den USA aber auch in Europa (etwa Örebro in Schweden). Dass es auch in Österreich erste Divestment-Bestrebungen gibt, zeigt dieses Beispiel von WWF und Allianz-Versicherung. Es wurde vertraglich fixiert, dass sich Allianz Österreich 2015 freiwillig und dauerhaft aus Kohleabbauinvestments zurückzieht. Das aus den Verkaufserlösen frei werdende Kapital wird in Erneuerbare Energien reinvestiert.

Erdgespräche 2015 ©AngieRattay

Erdgespräche 2015 ©AngieRattay

Robert Bullard verweist in Wien darauf, dass so erfreulich Divestment-Initiativen etablierter Institutionen auch seien, man auch nicht außer Acht lassen dürfe, auf welcher Basis etwa der Rockefeller Brothers Fund, der seine Investitionen in Kohle und Tarsands kürzlich zurückzog, seinen Reichtum erwirtschaftet habe. Auf Basis von Öl und Gas. Es gibt auch eine historische Verantwortung, wenn man über globalen Emissionen spricht. Während die Folgen des Klimawandels in erster Linie arme und sozial benachteiligte Menschengruppen treffen, ist der fossile Reichtum ebenso einseitig verteilt. Dennoch sei Divestment ein richtiger Akt, der zumindest auf symbolischer Ebene ein wichtiges Signal aussenden würde.

Generell waren sich die PodiumsdiskutantInnen bei den Erdgesprächen (neben Robert Bullard auch Leonore Gewessler von GLOBAL 2000, Andreas Novy (Prof. an der WU und Obmann der Grünen Bildungswerkstatt) und Reinhard Kreissl (Rechtssoziologe und CEO von Vicesse) einig, dass Divestment ein wichtiges Instrument unter vielen sein wird, um den Klimawandel zu bekämpfen, aber eine realistische Erwartungshaltung notwendig sei. Das Engagement vieler Initiativen bringe neue Dynamik in die Diskussion und dies sei insbesondere vor dem Hintergrund der Ende des Jahres in Paris stattfindenden Klimakonferenz relevant. Es brauche insbesondere beim komplexen Klimaschutz Erfolge und die seien auf nationalstaatlicher Ebene aktuell kaum vorzuweisen  sehr wohl jedoch auf lokaler und regionaler Ebene. Dabei würden in der Klimadebatte soziale Faktoren eine noch größere Rolle spielen je mehr sich das Problem verschärfe. Die Trennung von ökologischer und sozialer Perspektive sei eine der großen Schwächen der Institutionen, nicht nur auf politischer Ebene sondern auch etwa im Forschungsbereich und in der Zivilgesellschaft.

Divestment wird keine Wunderwaffe („Silver bullet“) sein, aber Druck erzeugen. Es wird weitere regulative Maßnahmen, ambitionierte Ziele und im Sinne der erwähnten Gerechtigkeit auch Finanzierungsinstrumente brauchen, um die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen.

Hinweise:

* Hier nochmals der Link zum aktuellen VCÖ-Magazin mit dem Beitrag „Fossile Investitionen haben keine Zukunft“Cover_VCÖ-Magazin
* FM4 hat einen Beitrag zu Divestment gemacht – hier das Blogpost von Barbara Köppel.
* Der Guardian führt derzeit eine Kampagne mit dem Titel „Keep it in the ground“ und hat laufend Updates und aktuelle Infos zu Divestment.
* Die Initiativen von 350.org (Mitinitator Bill Mc Kibben) und Carbontracker sind international federführend.
* Auch die GRÜNEN nehmen sich des Themas an und haben Initiativen auf österreichischer Ebene angekündigt.
* Einige der Beiträge zu den Erdgesprächen werden auf der Website veröffentlicht werden.

 

* aus „I will not dance to your beat“, a poem by Nnimmo Bassey (Friends Of the Earth Nigeria 2010)

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