Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Happy Ozone Day! Lernen vom Montreal-Protokoll?

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Heute ist Ozone-Day. Klingt ein wenig seltsam, ist aber eigentlich eine denkwürdige Sache. Heute vor genau 27 Jahren wurde das Montreal Protokoll zum Schutz der Ozonschicht unterzeichnet. Vor 25 Jahren ist es in Kraft getreten. Dies war zwar nicht der Beginn, aber doch ein wichtiger Meilenstein der internationalen Umweltpolitik und Auftakt für eine Reihe von präzisierenden Folgeabkommen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Ozonschicht-zerstörenden Substanzen weitgehend zu eliminieren. Der kürzlich präsentierte Bericht von UNEP und WMO zeigt, dass diese Schritte aller Voraussicht nach zum Erfolg führen werden. Da der Schutz der Ozonschicht auch Teil meiner eigenen umweltpolitischen Sozialisation gewesen ist, nehme ich den Ozone Day zum Anlass einige Reflexionen zu dieser internationalen Erfolgsgeschichte und zum aktuellen Klimaproblem anzustellen und freue mich über ein paar Gedanken dazu von Rainer Hofmann, Professor für Pflanzenbiologie an der Lincoln University in Neuseeland. Und vor über 20 Jahren als Ozon-Kampagnenleiter bei GLOBAL 2000 mein Kollege und eine wichtige Inspiration meiner Tätigkeit.

Ozonschicht-Bericht: Auf gutem Wege, aber noch nicht am Ziel

Das am 10. September vorveröffentlichte „Assessment for Decision-Makers. Scientific Assessment of Ozone Depletion: 2014“ der UN-Umweltbehörde UNEP und der World Meteorological Organisation (WMO) kommt zu dem Schluss, dass sich das Ozonloch seit dem Jahr 2000 nicht weiter vergrößert hat und sich die Ozonschicht bis 2050 wieder auf den angestrebten Zustand des Jahres 1980 erholen sollte. Allein dadurch würden in Zukunft u.a. alljährlich zwei Millionen Fälle von Hautkrebs verhindert werden. Das Montreal Protokoll, das seit 1989 in Kraft ist und die Reduktion bzw. die vollständige Abschaffung von Stoffen zum Ziel hat, die zu einem Abbau der Ozonschicht führen (u.a. FCKW), ist dafür hauptverantwortlich. Ohne das Protokoll wäre es hingegen bis zur Jahrhundertmitte zu einer zehnmal höheren Konzentration ozonschädigender Substanzen gekommen. Auch für das Weltklima hatte das Abkommen positive Effekte, da viele der verbotenen Substanzen klimawirksam sind. So konnte das Montreal-Protokoll die ursprünglich emittierten 10 Gigatonnen CO2-Äquivalent jährlich bis heute um über 90% senken. Allerdings warnt der aktuelle Report davor, dass dieser treibhausgasbezogene Effekt von Ersatzstoffen, wie etwa Fluorkohlenwasserstoffen (FKW), zunichte gemacht werden könnte, da diese ebenfalls zur Klimaerwärmung beitragen (die Menge von von FKW steigt derzeit jährlich um 7%).

Hier noch einige Medien-Berichte dazu: Standard/APA, Wiener Zeitung, Guardian, FAZ.

Apokalypse No! Wirksame Umweltpolitik statt ignorantem Zynismus

Es gibt immer noch die Stimme der Zyniker, die in die Runde werfen: Es gibt ja immer noch Bäume, obwohl ihr das Waldsterben prognostiziert habt, vom sauren Regen liest man auch nicht mehr und tja jetzt erholt sich auch noch die Ozonschicht?

Ja, warum denn? Weil es das eine oder andere mal doch gelungen ist, durch konkrete Maßnahmen die wahrscheinlichsten Ursachen einiger Umweltproblemen zu bekämpfen. Ob durch die radikale Reduktion der Schwefeldioxid-Emissionen oder den Phase-Out ozonschichtzerstörender Substanzen (FCKW & Co). Den Ignoranten und Zynikern sei gesagt: Umweltpolitik ist wirksam und kein Selbstzweck!

Und ja, wir reden immer – wie sehr oft in komplexen Wissenschaften – über Wahrscheinlichkeiten, die sich durch neue Daten und Informationen ändern können. Die Kalkulation von Unwägbarkeiten ist Teil des Jobs; finale Beweise nahezu zwangsläufig zu spät. In Umweltproblemanalysen ist weder Hysterie angebracht noch das Negieren, das es in einer Welt mit ihrer neuartigen Informationsarchitektur leicht macht, Argumente durch einzelne Daten relativ willkürlich vermeintlich widerlegt zu sehen.

Warum dies wichtig ist? Weil wir jede Menge Umweltprobleme zu lösen haben und eines der dringendsten ist die Bedrohung durch den menschgemachten Treibhauseffekt. Kommen wir zu den Learnings.

Slip, Slop und Slap

Wer sich mit Umweltauswirkungen auseinander setzt, beschäftigt sich mitunter mit der Adaptionsfähigkeit von Menschen, Tieren, Pflanzen und Systemen unterschiedlichster Art. Neuseeland gehört zu den am meisten betroffenen Gebieten des Ozonschicht-Abbaus und damit erhöhter UV-Strahlung.

rainer_nzlRainer Hofmann, Professor für Pflanzenbiologie, ist an der Fakultät für Landwirtschaft der Lincoln University nahe Christchurch, als international renommierter Forscher für Pflanzenphysiologie tätig. Er untersucht dabei die Auswirkungen erhöhter UV-Strahlung auf unterschiedlichste Pflanzen, unter anderem Gras, Klee und Weinreben. Und er lebt seit über 20 Jahren in Neuseeland. Jeder kennt in Neuseeland den Ausspruch Slip, Slop und Slap (slip on a shirt, slop on the sunscreen and slap on a hat), der sich mit Auftreten des Ozonlochs und der unmittelbaren Bedrohung für die Haut verbreitet hat. Die Bedrohung war unmittelbar und erforderte Eingriffe in die Lebensgewohnheiten, um das Krebsrisiko durch erhöhte UV-Strahlung zu minimieren.

Die Auswirkungen auf die Pflanzenwelt sind jedoch unterschiedlich. Hofmann berichtet, dass der Konsens in seinem Forschungsbereich groß sei, dass Pflanzen im Generellen gut gegen UV adaptiert seien. UV wird jetzt mehr als Umweltsignal and Regultionsfaktor für die Pflanzen (vergleichbar mit Licht) verstanden, der dazu beiträgt, sich auf andere Stressfaktoren vorzubereiten. (Hier eine seiner aktuellen Publikationen.) Die Natur ist enorm adaptionsfähig mit all den teils noch unbekannten Interaktionen, doch der Mensch ist dies nur bedingt. Das Tempo und die Radikalität des Klimawandels ist insbesondere vor diesem Hintergrund die Mega-Herausforderung.

Rainer Hofmanns Schlußfolgerung über 20 Jahre nach diversen Kampagnen, die sich sowohl mit dem bodennahen Ozon wie auch mit dem Schutz der Ozonschicht auseinander setzte, ist: „Das Ozonloch war eine klare und momentane Bedrohung mit schwerwiegenden und ausschliesslich negativen weltweiten Konsequenzen für den Menschen. Das hat die politische Handlungsfähigkeit – im Gegensatz zum diffus wirkenden Klimawandel – stark befördert

Womit wir zur entscheidenden Frage kommen:

Montreal Protokoll vs. Klimavertrag: was wir lernen können

Angesichts der weitgehenden Handlungsunfähigkeit der internationalen Staatengemeinschaft zur Klimaproblematik stellt sich die Frage, inwieweit der Erfolg des Montreal Protokolls und seiner Folgeabkommen ein Beispiel für den internationalen Klimaschutz sein kann. George Monbiot argumentiert im Guardian (man beachte den schönen Einstieg) stark in diese Richtung. Er vermisst die politische Courage und den Willen, tatsächlich ähnlich dem Montreal Protokoll in den 80er Jahren Nägel mit Köpfen zu machen. Jedoch hätten sich die allgemeinen Prioritäten und Paradigmen seit damals geändert und die fossile Industrie und ihre Lobbys seien stärker. Ein sicher wichtiger Punkt, jedoch gibt es doch einige signifikante Unterschiede:

Abgrenzbare Stoffgruppe vs. die fossile Industriegesellschaft:

Grafik UNEP/WMO Report

Grafik UNEP/WMO

Für den Abbau der Ozonschicht wurde eine klar abgrenzbare Gruppe an Substanzen (FCKW, H-FCKW, …) identifiziert. Die Anwendungen der Treibhausgase greifen in nahezu alle Sektoren und Lebensbereiche. Zwar musste die ODS-Liste (Ozone Depleting Substances) auf Basis von Forschungen laufend ergänzt werden, aber dennoch ist Handeln bei klar abgrenzbaren Einsatzgebieten leichter möglich. Das Chart aus dem aktuellen UNEP/WMO-Bericht zeigt die Reduktion einiger Substanzen (Brom).

Rasch verfügbare Alternativen aus der Verursacher-Industrie vs systemrelevante Faktoren

In den meisten Fällen – aber nicht in allen – wurden ozonschichtzerstörende Chemikalien durch andere Chemikalien ersetzt. Was heute einfach klingt, war es damals nicht. Die Alternativen mussten erst gesucht werden. Man erinnere sich an den Kühlschrank Greenfreeze von Greenpeace, der enorm viel Bewegung in den Kühlgeräte-Markt brachte. Lange hatte sich die betroffene Chemie-Industrie gegen den Ausstieg gewehrt. Es war tatsächlich die Politik, die durch regulative Maßnahmen den entscheidenden Impuls setzte. Aber im Gegensatz zum Klimawandel musste man nicht ein ganzes Wirtschaftssystem decarbonisieren und das starre Festhalten am BIP-Wachstum hinterfragen, sondern konnte weitgehend eine Substanz durch eine andere ersetzen oder entsprechende Technologien und Verfahren etablieren.

Neue diplomatische Kräfteverhältnisse und komplexere Strukturen:

In einem Carbon Brief-Beitrag von Mat Hope „Why we may never get a Montreal Protocol for Climate Change“ wird unter anderem erläutert, wie sehr sich die diplomatische Landschaft seit den 80er und 90er Jahren verändert hat. Es gab auch damals unterschiedliche Interessen, aber die Blöcke waren homogener. Österreich hatte damals übrigens durchaus den diplomatischen Spielraum für konkrete Initiativen genutzt und galt als einer der Umwelt-Vorreiter. Vielleicht sollte auch daran politisch erinnert werden.

Klare Botschaft der Forschung vs. Dekonstruktion des Diskurses:

Wie auch Rainer Hofmann schreibt, hat die Forschung eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Monteal Protokolls gespielt. Sie war „extrem wichtig, sowohl fuer die Ursachen (Stratosphärenchemie) als auch für die Folgewirkungen (Hautkrebs etc)“.

Klar gab es auch damals Zweifler, aber die Glaubwürdigkeit von Akteuren wie Paul J. Crutzen, Mario J. Molina und Frank Sherwood Rowland, die 1995 den Chemie-Nobelpreis für ihre Stratosphärenforschung erhielten, ist immer hoch gewesen. Das laufende wissenschaftliche Assessment hatte klare Botschaften und hat sie immer noch. Auch an die Politik. Die ebenso komplexe Klimawissenschaft, repräsentiert durch das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bietet zwar ebenso Handlungsempfehlungen, aber der teils irritierende Umgang mit Wahrscheinlichkeiten (dazu mehr in einem kommenden Beitrag) wurde von Interessensgruppen genutzt, den öffentlichen wissenschaftlichen Diskurs zu dekonstruieren. Die Skeptiker sind im Vergleich zum weitgehenden Konsens der Klimawandel-Warner medial deutlich überrepräsentiert.

Es geht nicht nur ums eigene Leiberl, sondern gleich um die Haut:

Der unmittelbare Effekt auf Leib und Leben durch die konkrete Hautkrebsgefahr schärfte das öffentliche Bewusstsein. Die Gefahr war real und unmittelbar greifbar. Die Bedrohungen durch den Klimawandel sind zwar noch weitreichender, aber immer noch diffus oder vermeintlich weit weg. Ursache-Wirkung sind bei nicht-linearen Entwicklungen nicht immer unmittelbar argumentierbar. Das macht die Sache nicht leichter.

Angesichts der aktuellen Erfolgsperspektive stellt sich die Frage: Ist das Montreal Protokoll die Vorlage, den  Herausforderungen des Klimawandels gerecht zu werden?

Nicholas Chang argumentiert in seinem Beitrag vor zwei Jahren auf Basis mehrerer Publikationen, dass es einer der großen Fehler der Klimakonvention sei, die Prinzipien des Montreal Protokolls auf das Klimaabkommen überzustülpen. Die Voraussetzungen seien so unterschiedlich, dass dies mit ein Grund sein, warum die Versuch, einen effektiven internationalen Klimavertrag, aktuell scheitern. Und tatsächlich scheint ein Design ähnlich jenem zum Schutz der Ozonschicht nicht realistisch. Der Klimavertrag wird mit den unterschiedlichen Erwartungshaltungen völlig überfordert und scheitert an seiner eigenen Komplexität.

Dass es einen politischen Kraftakt braucht – wie Monbiot zu Recht fordert – ist unumstritten, aber vielleicht wird es auch Zeit, kritisch darüber zu reflektieren, ob man nicht auch seitens der Promotoren eines neuen Klima-Abkommens ein anderes Design  und auch eine andere Inszenierung braucht. Eines, das nicht auf den x-ten Eisbären auf einsamer Eisscholle setzt, nicht die zweijährliche Endgame-Inszenierungen wiederholt, eines, das evtl die Geschichte zur Bedrohung durch den Klimawandel neu erzählt und Rahmenbedingungen und Spielraum für die Motoren einer notwendigen großen Transformation ermöglicht. Ob in den Städten, in den Regionen, durch Technologieentwicklung oder – immer noch effektiv – durch Regulierung. Diesen Fragestellungen wird in den kommenden Monaten immer wieder ein Guensblog-Schwerpunkt gewidmet sein.

Aja, und by the way,

Happy Ozone-Day!

Fotohinweis: Beitragsbild NASA Ozone Watch

 

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