Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Grassierender (explodierender?) Unsinn

0

Andreas Schwarz schreibt in der insgesamt interessanten Neujahrs-Wochenendausgabe des KURIER über „Bevölkerungs- und andere Bomben, die nie explodierten“. Er setzt sich dabei mit der spannenden Frage auseinander, was eigentlich aus einigen alarmistischen Zukunftsprognosen geworden ist. Online fällt das beim KURIER in die Kategorie „Analyse“. Ich halte diese Auseinandersetzung für gut, weil auch mir viele Beiträge rund um Megatrends und Prognosen kritikwürdig scheinen. Jedoch ist die Verführung für Schwarz wohl zu groß gewesen, den zynischen Unterton bei einigen Prognosen mit sachlich völligem Unsinn zu vermischen. Da er dies meiner Erinnerung nach beim Thema Waldsterben (und auch beim Klimawandel) nicht zum ersten mal macht, und die Argumentation auch von anderen übernommen wird, will ich kurz darauf auf Guensblog eingehen.

Andreas Schwarz schreibt:

„Das Waldsterben, ein Jahrzehnt lang der Renner der damals jungen Umweltbewegung, hat nicht stattgefunden (außer in tschechischen Kohleregionen) – und zwar erwiesenermaßen nicht aufgrund der Gegenmaßnahmen wie FCKW-freier Sprays, weil die hätten laut Prognosen nichts aufhalten können.“

Hier liegen gleich mehrere Fehler drinnen. Er vermischt die Themen, nämlich das sog. Ozonloch (dessen Hauptverursacher FCKW gewesen sind, die unter anderem in Sprays verwendet wurden, aber z.B. auch als Kältemittel in Kühlschränken) und das Waldsterben. Für das in den 70er und 80er Jahren stark diskutierte Waldsterben gilt jedoch Schwefeldioxid (SO2) neben einigen anderen versauernd wirkenden Luftschadstoffen als hauptverantwortlich. Das war damals auch schon so. FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) hatten gar nichts damit zu tun, außer der Tatsache, dass beide Themen parallel stattfindende Umweltdebatten waren. Somit kommen wir zum zweiten inhaltlichen Fehler, der häufiger in Medien vorkommt: Warum das „Waldsterben“ nicht stattgefunden hat, hat einen wesentlichen Grund.

uba_so2Die SO2-Emissionen wurden in Österreich seit Anfang der 80er Jahre um rund 90% reduziert. Ich hab in der Kürze leider nur die Graphik des Umweltbundesamts seit 1990 gefunden. Aber auch da ist ein massiver Rückgang der SO2-Emissionen erkennbar. Verantwortlich dafür waren unterschiedlichste Maßnahmen, die insbesondere zur Entschwefelung in der Industrie geführt haben. Der Schwefelanteil in Mineralölprodukten und Treibstoffen wurde in weiterer Folge ebenso reduziert. Hier sieht man noch die drastische Reduktion in den 80er Jahren am Beispiel Oberösterreich.

Umweltthemen sind komplexe Themen. Jene „über die Rampe“ zu kriegen ist nicht leicht. Die Verführung ist groß, in der Reduktion auch falsche Zusammenhänge darzustellen. Auf beiden Seiten, denn Korrelation ist nicht gleichbedeutend mit Kausalität, aber natürlich ein Hinweis auf eine mögliche Ursache-Wirkung-Beziehung. Meist gibt es mehrere Faktoren, zwischen denen auch noch Wechselwirkungen und Interdependenzen wirken. Das macht’s nicht leichter. Von Qualitätsjournalismus erwarte ich mir dennoch eben die Fähigkeit, die grundlegenden Zusammenhänge zu verstehen und idealerweise auch verständlich zu transportieren. Ja, auch beim Waldsterben kann man darüber diskutieren, ob man die Regenerationsfähigkeit des Waldes bei der Darstellung von Szenarien vor 30 Jahren unterschätzt hatte. Wir wissen es nicht, da wir dankenswerterweise den Hauptverursacher reduziert haben und es dankenswerterweise (!) nicht darauf ankommen ließen. Wesentlich ist aber: Falsch war die Warnung damals nicht, denn es gab zuvor wenig öffentliches Bewusstsein für die extrem hohe Bedeutung des Waldes und der Schädigungen. Und dass die massive Reduktion von Schwefeldioxid durch konkrete Maßnahmen, die ja ohne alarmierende Warnung wohl in dieser Form nicht angegangen worden wären, einen maßgeblichen Beitrag zur Verbesserung der Waldsituation geleistet hat, ist unumstritten.

Die zweite Möglichkeit eines inhaltlichen Zusammenhangs zwischen FCKW und Waldsterben wäre noch gegeben, wenn Schwarz meint, dass das Ozonloch den Klimawandel anheizt und jener ebenso ein Stressfaktor für viele Pflanzenarten und Wälder ist. Da er jedoch eher Klimaskeptiker ist, ist dieser Denkzusammenhang auszuschließen. So steht im gleichen Artikel:

“Aber weil der Alarm-Journalismus und die Lust am Untergang nicht zu bremsen sind, haben Prognosen weiter Hochsaison, je düsterer und apokalyptischer, desto lieber. Im Moment ist es die drohende Klimakatastrophe, die Endzeitpropheten und eine ganze Industrie viel Geld machen lässt – unbeschadet von Wissenschaftlern und Skeptikern, die die Prognosen in ihre Bestandteile zerlegen – und dafür wild gescholten werden.”

Auch hier ist zu befürchten, dass es keine genaue Auseinandersetzung mit dem Inhalt gegeben hat. Ich erinnere mich noch an eine Pressekonferenz im vergangenen Jahr, wo die anwesenden Journalisten lange diskutieren mussten, um sich dem gebotenen Inhalt auch nur annähern zu können (siehe Blogbeitrag Apokalypse No Na von damals).

Das Argument, dass man mit dem Klimawandel Geld machen könne, ist ein nicht nachweisbares Killerargument, denn mehr Geld liegt immer noch bei den Verursachern. Ich kann immer über Interessen und Lobbyismus spekulieren, da die Erfahrung zeigt, dass die Menschen dafür sehr zugänglich sind. Es ist aber billig und eben wieder undifferenziert.

Darum sei mal pauschaliert gesagt: Euer und unser verdammter Job ist es, Materien besser zu verstehen, sie verständlich zu machen und ggbfalls auch öffentliche Interessen zu artikulieren und dort wo es um (übrigens auch legitime) private Interessen geht, eben jene transparent zu machen.

Übrigens: Wir haben ein Problem mit der Luftqualität – siehe Feinstaub (ORF-Meldung bzw. Ursprungsquelle VCÖ).

Titelbild von matthiashn lizenziert unter CC BY-NC-SA 2.0.
image_pdfimage_print
Share.

Leave A Reply