Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Geht es wirklich um „Climate Crimes“? Eine Kritik zur laufenden Doku

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Aktuell ist im deutschprachigem Raum die Doku „Climate Crimes“ des Umwelt- und Naturschützers Ulrich Eichelmann zu sehen (vergangene Woche auch im ORF/„Kreuz & Quer“). Der Film beleuchtet einige Beispiele  von Umwelt- und Naturzerstörung, die – wie er suggeriert – im Namen des Klimaschutzes erfolgen. „Climate Crimes“ wird teils intensiv diskutiert und hinterlässt manch verstörten Besucher. Das regt zum Nachdenken an, kann aber meiner Meinung auch eine falsche Botschaft hinterlassen.

Ohne mich als Dokumentarfilmkritiker zu sehen, erlaube ich mir wie beim Film Bulb-Fiction einige inhaltliche Anmerkungen. Denn der Film ist inhaltlich im Kern hochinteressant, bringt richtige Fakten und starke, emotionalisierende Bilder, aber meiner Meinung nach kontextualisiert er falsch, indem er Klimaschutz pauschal mit Umweltzerstörung gleichsetzt. Das ist natürlich eine PR-technisch interessante Botschaft, aber die Pauschalisierung ist angefangen beim Titel mehr als heikel. Denn meiner Meinung ist der Antrieb der meisten genannten Projekt nicht der Klimaschutz, sondern schlicht und ergreifend Profitinteressen in massiv wachsenden Ökonomien und aufstrebenden Industriezweigen. Und das hat viel weniger mit der teils berechtigen Kritik an Green Growth Konzepten zu tun als im Film resumiert wird.

Vorweg zum Film, damit klar ist, worum es geht:

Die “Reise zu den Tatorten der grünen Energie” begibt sich auf folgende Stationen:

  • Brasilien im Amazonas Regenwald, wo der gigantische Belo-Monte-Staudamm (unglaubliche 11.000 MW) am Xingu-Fluss eine Waldfläche größer als der Bodensee überschwemmen soll und damit viele Arten bedroht und 20.000 Menschen zum Umsiedeln zwingt.
  • In die Türkei, wo der Ilisu-Damm durch die Umleitung des Tigris nicht nur eine der ältesten Städte Anatoliens, Hasankeyf, zerstört, sondern südlich im Irak auch zur Austrocknung der mesopotamischen Sümpfe führen wird, die Lebensgrundlage für viele Menschen ist.
  • Nach Deutschland, wo riesige Mais-Anbauflächen Grundlage für die Gewinnung von Biogas sind.
  • Indonesien, wo in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, der Regenwald riesigen Palmölplantagen Platz machen muss und die letzten Orang Utans ihren natürlich Lebensraum verlieren.

Um es gleich vorweg zu sagen: Jedes der genannten Projekte ist kritikwürdig. Aber es ist nicht der Klimaschutz, der dafür verantwortlich zu machen ist. Konkreter:

Sind es wirklich Climate Crimes?

Im Standard-Interview erläutert Eichelmann, “warum der derzeitige Klimaschutz Mensch und Natur mehr schadet als der Klimawandel“. Und hier passiert der Fehler, denn die genannten Projekte stehen meiner Meinung nach nicht für den “derzeitigen Klimaschutz”. Der Klimaschutz, der sich ja international politisch eben nicht durchsetzt, sondern dramatischerweise massiv opponiert wird, hat nur bedingt mit der Entstehungsgeschichte der genannten Projekte zu tun, wiewohl er manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzt wird. Diese Differenzierung ist aber wichtig. Inhaltlich verweist der Film richtigerweise auf einen relativ hohen Treibhausgas-Impact der Projekte (z.B. durch die Methanfreisetzung der zuvor gefluteten Stauseen und die Abholzung der Regenwälder).

Als Anlaß zur Beweisführung nutzt Eichelmann die Klimakonferenz in Cancun und spricht mit einzelnen Teilnehmern. Die sind aber auch nicht repräsentativ für Klimaschutz. Man muss dazu sagen, dass bei diesen Konferenzen mehr als 10.000 TeilnehmerInnen dabei sind, von denen viele als NGOs gewertet werden, die aber nur teilweise zivilgesellschaftliche Organisationen sind. Auch Interessens-Vereinigungen aus dem Businessbereich sind zu Tausenden dabei. Die stehen für Eigeninteressen und Business-Repräsentanz, aber nicht für echte Klimaschutzinteressen. Das ist auch eine Lobbyingveranstaltung. Es wär fair, dies auch nicht anders wirken zu lassen.

Wachstum als „major drive“

Was ist der Treiber für die genannten Projekte?

Es sind wirtschaftliche Interessen und meist der Energiehunger aufstrebender Regionen und Staaten, die neue Energiequellen erschließen. In Brasilien ganz spezifisch auch durch den enormen Energieverbrauch im Bergbau und insbesondere durch die stark wachsende Aluminiumindustrie. Es wird prognostiziert, dass in den kommenden Jahren der brasilianische Stromverbrauch um mehr als 500 Terawattstunden (Twh) bis 2020 ansteigen wird. Brasilien ist ja nicht ein kleines, unbedeutendes Land, sondern wir reden von der weltweit sechstgrößten Wirtschaftskraft, die enorm hohes Wirtschaftswachstum (meist über 4% jährlich) aufweist, starke  Exportzuwächse verzeichnet und seine Leistungsbilanz in den vergangenen zehn Jahren deutlich verbessert hat. Siehe unter anderem einige beeindruckende Zahlen im Länderprofil “Brasilien” der Wirtschaftskammer.

Es geht um Wachstum für ganz konventionelle Industriezweige und nicht um nette Klimaschutzprojekte. Es geht auch nicht einmal um das im Film angesprochene Green Growth. Es geht nur um economic Growth!

Dass eine Sprecherin von Electrobas wie im Film am Rande des Klimakonferenz in Cancun die brasilianische Wasserkraft Projekt als sauber und grün verkauft, mag sein, aber das ist weder der Kern noch der Antrieb für das Projekt. Oder anders: Auch ohne jegliches Klimaschutz-Comittment gäbe es die Riesenstaudamm-Projektpläne.

Nicht viel anders ist es bei Ilisu. Der Stromverbrauch der Türkei steigt um über 7% jährlich (siehe auch steigender pro Kopf Energievebrauch). Die Kosten für Energieimporte werden ebenso immer höher. Erklärtes Ziel der Projektbetreiber ist mehr Wachstum, Infrastruktur, weniger Energieimporte. Klimaschutz ist weitgehendst kein Thema.

Insofern ist es irreführend, wenn im Film reißerische Textpassagen kommen wie:

Ist das der Preis für den Schutz des Klimas?”, “Todesursache: Klimaschutz.”, “Menschen würden verdursten, in Folge grüner Energie

Dass sich die letzten Minuten der TV-Fassung noch mit Wachstumskritik und den ökologischen Grenzen auseinander setzen, ist OK, aber es ändert nichts am gesamten Klimaschutz-fokussierten Frame des Filmes.

Ähnlich aber doch anders verhält es sich bei den anderen Beispielen. Tatsächlich hat es in Deutschland einen enormen Biogas-Boom gegeben, der jedoch 2012 nach einer Beschränkung für Mais im deutschen EEG (Erneuerbare Energien Gesetz) deutlich abflachte (siehe Zahlen der deutschen Biogasvereinigung). Dies wird möglicherweise für die Verarbeitung im Film ein zu aktueller Trend gewesen sein, ist aber wichtig, weil nun verstärkt Kriterien berücksichtigt werden. Weiters wird meiner Erinnerung nach im Film nicht erwähnt, dass der Anteil der energetischen Nutzung im Vergleich zur Futtermittel-Produktion immer noch relativ gering ist. Schauen wir uns die Zahlen des absoluten Boomjahress 2011 an: Die Gesamt-Ackerfläche für Silo- und Körnermais machte deutschlandweit insgesamt 2,5 Mio. Hektar aus. 1,8 Mio. Hektar dienen der Futtermittelgewinnung. Energiemais für die Biogasproduktion macht 2011 ca. 0,7 Mio. Hektar aus (Quelle: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe). Wie gesagt, aufgrund der Kritik und der mittlerweile tatsächlich bestehenden Flächenkonkurrenz wurde das Wachstum nun begrenzt.

Unerwähnt bleibt auch, dass Energiemais nur eine Form der Biogas-Nutzung darstellt. Die z.B. sinnvolle Verwertung landwirtschaftlicher Abfälle (oder sonstiger biogener Abfälle – etwa in Kommunen) zur Produktion von Strom und Wärme bleibt völlig unerwähnt. Diese Form der Pauschalisierung ist kontraproduktiv.

Berechtigt ist die Kritik an der Palmöl-Gewinnung in Indonesien. Aber es ist auch hier anzumerken, dass der größte Teil des Palmöls von der Nahrungsmittelindustrie verbraucht wird. Zu finden ist es als “pflanzliche Öle” in Backwaren, Fertiggerichten (z.B. Pizza, Suppen), Chips, Aufstrichen, Schokoware, Margarine etc. Auch in der chemischen Industrie spielt Palmöl eine wichtige Rolle. Ja, die energetische Nutzung ist zusätzlich hinzukommen und sie ist klimapolitisch kritisch zu sehen. Die Treibhausbilanz ist immer sehr stark von der Art der Flächennutzung abhängig und von der Gesamtenergiebilanz. Das im Film portraitierte Indonesien ist mit rund 23 Millionen Tonnen pro Jahr zum weltweit größten Hersteller von Palmöl geworden. Die Motivation der Regierung: Motor für wirtschaftliche Entwicklung in ländlichen Gebieten (3 Millionen Beschäftigte), Steigerung der Exportquote (Hauptabnehmer EU und Indien), konkrete Business-Interessen etc.

Kein zentraler Motor: Klimaschutz.

Fossile reiben sich die Hände

Bei aller persönlicher und inhaltlicher Wertschätzung für den ausgewiesenen Experten und Aktivisten Ulrich Eichelmann, scheint mir diese Form der Pauschalierung und des Framings informativ, aber kontraproduktiv. Nicht der Klimaschutz zerstört die Natur, sondern – wie zuletzt im Film angemerkt – das ungebremste Wachstum und Profitinteressen, wobei wir als westliche Industriewelt der Intention insbesondere in Schwellenländern ja auch schlecht entgegen treten können. Der Konflikt Öko gegen Öko ist nicht das zentrale Gefecht, wiewohl sich schon einige der Klimaskeptiker des Filmes mit Vergnügen annehmen. Siehe etwa das Posting zum Film der Global Warming Policy Foundation oder auch des Blogs NoTricksZone. Jetzt darf man deren Rolle nicht zu ernst nehmen. Aber es ist schon schräg, dass die fossile Industrie nach und nach ihr Schiefergas- und Tight Oil Revier erobert, die mediale Landschaft vereinnahmt (siehe „Das Imperium schlägt zurück“), ganz spitz ist auf die Ausbeutung des Amazonas (siehe Amazonas Beitrag im Oil & Gas Journal oder die Potenzialkarte in der Welt) und wir führen den Öko vs. Öko-Konflikt. Dass die inhaltlich in “Climate Crimes” aufgeworfenen Fragen relevant sind, ist keine Frage. Dass es eine Grenzziehung geben muss, ebenso:

Antworten auf bestehende Zielkonflikte

Dieser Blogbeitrag soll keinen Wischi-Waschi Kompromiss abbilden, sondern letztlich geht es wie häufig auf Guensblog um ein Plädoyer für Differenzierung. Wie mehrmals erläutert, sind viele Umweltfragen höchst komplex. Wer auf einfache Antworten auf komplizierte Probleme hofft, wird scheitern. Es braucht Lösungen und einen Diskurs, der fähig ist, zu differenzieren und das eigentliche Problem benennt. Und das ist nicht der angewandte Klimaschutz, sondern der fehlende Klimaschutz.

Daher ist es auch nicht zu verschweigen, dass die sogenannte Energiewende tatsächlich Zielkonflikte mit sich bringt. Der Ausbau der Wasserkraft ist ein Teil davon. Fragen der Flächennutzung ein anderer. Für viele zählen z.B. auch Landschaftsbildfragen dazu. Bei dieser letztgenannten Frage bin ich ehrlich gesagt relativ Hardcore auf Seiten der Erneuerbaren. Grenzziehung heißt manchmal auch Grenzerweiterung.

Daher ist es wichtig, den Weg zu skizzieren, wie der Weg raus aus der fossilen Energienutzung aussieht. Dazu gehört einerseits die deutliche Reduktion des Energieverbrauchs aber auch ein massiver Ausbau erneuerbarer Energie. Dort wo es Interessenskonflikte etwa mit dem Naturschutz gibt, braucht es klare Kriterien, an denen sich die Energiewirtschaft orientieren muss. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man in Österreich jedes Fließgewässer zubauen muss, sehe aber sehr wohl noch Potenzial für den weiteren Ausbau.

Viel gäbe es dazu noch zu sagen, aber der Beitrag ist eh schon zu lang.

Letztlich und wiederholt: Die Energiewende ist viel mehr als eine technische Frage. Sie ist ein kulturelles Projekt, das auch in unser Konsumverhalten eingreifen wird. Das Schwarzenegger Modell – “Klimaschutz ist nur super, wenn ich mit meinem Pflanzenöl-betriebenem Hummer weiterfahren darf” – wird ebenso scheitern. Denn genau hier greifen die Ressourcengrenzen.

Dieser Diskurs ist zu führen. Aber bitte nicht, indem der Klimaschutz pauschal für etwas verantwortlich gemacht hat, was er nicht zu verantworten hat.

(Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Film ist auf klimaretter.info zu lesen.)

Titelbild von kris krüg lizenziert unter CC BY-SA 2.0.
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