Georg Günsberg | Politik- und Strategieberatung | Franz Josefs-Kai 27,  A-1010 Wien | office@guensberg.at

Auf die Nachfrage kommt es an. Oder: Der Ölpreiscrash als große Chance.

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Vorweg: sorry! Guensblog wurde vernachlässigt. Sehr vernachlässigt. Insbesondere nach dem Redesign im September 2014. Der Grund ist einfach: viel Arbeit. Gerüchte, meine Blogfrequenz wäre ölpreisgekoppelt – und deshalb wären sich in den letzten Monaten kaum neue Beiträge ausgegangen – weise ich entschieden zurück.  🙂  Der Zufall will es, dass ausgerechnet jetzt wo der Ölpreis wieder leicht angestiegen ist, neue Blogbeiträge anstehen. Der heutige setzt sich auf Basis meines Vortrags im Rahmen der Tagung „Highlights der Energieforschung“ vom 29.4. (siehe Slides unten) mit der Öl- bzw. Preisentwicklung auseinander und zudem mit der Frage, warum gerade diese ein Anreiz ist, genau JETZT steuerliche Maßnahmen zu setzen und ökologisch kontraproduktive Subventionen abzubauen.

Der unterschätzte Faktor Nachfrage

Die Ölpreisentwicklung der letzten 12 Monate ist tatsächlich eindrucksvoll. Zwischen Mitte 2014 und Anfang Jänner 2015 ist der Ölpreis um rund 50% gefallen: nach über drei Jahren konstant über 100 US-$/b (Brent) auf unter 50 US-$/b. In den vergangenen Monaten hat er zwar auch wieder signifikant zugelegt (Stand heute 18.5.: Brent bei ca. US-$ 66  b/d und WTI bei ca. US-$ 60 b/d), aber dennoch sind dreistellige Ölpreise vorläufig in weite Ferne gerückt. Viel wird rund um die Ölpreisentwicklung politisch spekuliert. Manche reden vom Ölpreiskrieg (siehe auch den lesens- und hörenswerten Beitrag auf nzz.at vom 18.5.). Sind die Spekulanten Schuld (dies ist aus den Daten nicht ableitbar),  ist der Preiskampf primär Ausdruck eines Machtspiels zwischen den größen Ölproduzenten? Oder ist es  wie ich es simpler sehe  schlicht Teil einer normalen Marktentwicklung. Mit diesem auf Basis der IEA-Daten animierten Chart wird die Entwicklung deutlich. Sie bildet Öl-Angebots- und Nachfrageentwicklung im Zeitverlauf ab. (Streng genommen wird hier Öl als Sammelbegriff für die sog. „Liquids“ verwendet, zu denen u.a. auch Flüssiggas/NGL Natural Gas Liquids dazugehört.) Für Animation Grafik anklicken:

oil_supply_demand

In den aktuellen Zahlen des Oil Market Reports der IEA wird sehr offensichtlich: in den Jahren unmittelbar bis Anfang 2014 war die Nachfrageentwicklung meist (logischerweise nicht immer) gleich oder nur knapp unter der Angebotsentwicklung. Genau dies hat sich 2014 deutlich geändert. Das Angebot ist weiter kontinuierlich gestiegen (u.a. dank des US-amerikanischen Schieferöls, das damit jenen Anteil des Anstiegs abdeckt, der durch Conventional Oil kaum mehr bewältigt wird  siehe dieses Chart von Euan Mearns). Zugleich ist der Nachfrageanstieg abgeflacht. Die Lager werden aufgefüllt. Was passiert wenn das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt? Genau: Ein Preisverfall ist eigentlich eine durchaus logische Konsequenz, wiewohl das Ausmaß heftig gewesen ist. Während öffentlich viel über den tatsächlich bemerkenswert erhöhten Output von Shale Oil in den USA (immerhin rund 4 Mio b/d mehr als etwa noch vor fünf Jahren) und die eigentlich relativ konstante Menge der OPEC-Staaten diskutiert wird, wird über die Nachfrageentwicklung kaum diskutiert. Dabei ist sie der Schlüssel. Peak Oil Demand ist letztlich auch aus Klimaschutzgründen eine Notwendigkeit.

Quelle: IEA World Energy Outlook 2014

Es ist kein Zufall, dass die Nachfrage just in jenem Zeitraum gebremst wurde, wo der Ölpreis entsprechend hoch gewesen ist. Höhere Energiepreise ermöglichen mehr Energieeffizienz und schaffen Anreize zur Energieverbrauchsreduktion. Interessant etwa die Entwicklung in den USA und Europa nach dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 (siehe links). Aktuell droht das Pendel wieder in die Gegenrichtung auszuschlagen (was unter anderem an der Entwicklung des Automobilmarkts in den USA und den gefahrenen Distanzen zu sehen ist  siehe Präsentationsfolien).

Niedriger Ölpreis als (in Ö verpasste) Chance

Während sich die österreichische Bundesregierung im Zuge der Steuerreform-Diskussion auf die Position versteift hat, dass mehr ökosoziale Komponenten nicht im Sinne der Konjunkturankurbelung und daher aktuell kein Thema wären, stellt sich mittlerweile heraus, dass der erhoffte Wachstumseffekt zumindest in Österreich nicht greifen dürfte. Trotz der niedrigen fossilen Energiepreise (neben Öl und damit Heizöl und Treibstoff sind auch Gas und Kohle günstiger als in den vorangegangenen Jahren) kommt Österreichs Wirtschaft nicht in die Gänge. Die absurde Situation ist mitunter, dass der massiv rohstoffimportabhängige Heizölmarkt  nur sehr gering belastet durch die MÖST  über Rekordabsätze jubelt, während heimische Biomassekesselproduzenten, die auf heimische erneuerbare Ressourcen setzen, sich in ihrem Heimmarkt noch zusätzlich mit einer höheren Umsatzsteuer abgeben dürfen. Zukunftsorientierte Standortpolitik? Wohl kaum. Die in Österreich sehr hohe steuerliche Belastung des Faktors Arbeit bei gleichzeitig hierzuland im OECD-Vergleich geringen Umweltsteuern bietet struktuell viele Handlungsspielräume, die Rahmenbedingungen für heimische Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung im Sinne der Energiewende zu verbessern.

nce_oilDass dies auch im globalen Kontext ein Gebot der Stunde ist, zeigt das kürzlich herausgegebene Papier im Rahmen der New Climate Economy-Initiative, über die hierzulande leider generell sehr wenig zu lesen ist. Das Mitte Mai dieses Jahres von niemand geringeren als Lord Nicholas Stern, Per Klevnäs und Jana Frejova verfasste Working Paper „Oil Prices and the Economy“ zeigt stichhaltig auf, dass die aktuelle Preissituation ohne Gegenmaßnahmen die Abhängigkeit von fossiler Energie weiter steigern wird (mit höchst negativen Effekten auf das Klima), jedoch zugleich eine Gelegenheit wäre, durch eine Reform von Steuern und Beihilfen diese Abhängigkeit zu verringern und sich damit auch vor der drohenden hohen Ölpreis-Volatilität zu schützen. Denn je höher die Nachfrage nach Öl wieder steige, desto größer drohen die Preissprünge auszufallen.

Die wahren Kosten für fossile Energie sind deutlich höher als jene die Konsumenten zahlen (siehe auch die Berichte über die aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds über die nicht im Preis eingerechneten Folgekosten des Energiekonsums).

Die Kombination aus Ansagen zur Klimakonferenz in Paris (Anfang Dezember 2015), vergleichsweise niedrigem Ölpreis und wirtschaftlichen Faktoren schafft ein Momentum, das viele Staaten beginnen zu nutzen. 27 Staaten werden vom New Climate Economy Bericht identifiziert, die jetzt schon eine Reform der auch von der IEA jährlich kritisierten fossilen Subventionen fordern.

Auch Carbon Pricing erhält neuen Aufwind. Der Grund dafür ist sehr einfach: Den Abbau von Beihilfen für die fossile Energienutzung spürt der Konsument in einer Phase deutlich gesunkener Marktpreise kaum.

Langfristig gedacht ist der einzige Weg, um dem viel zitierten Schweinezyklus im Ölmarkt zu entgehen, genau jetzt die Steuern auf die fossile Energienutzung zu erhöhen (idealerweise CO2-orientiert) und damit den entsprechenden Nachfragestimulus abzufedern und zugleich in Energieeffizienz und erneuerbare Energie zu investieren. Wer den Ölpreis niedrig halten will, muss absurd anmutenderweise genau jetzt dafür sorgen, dass die Steuern darauf erhöht werden bzw. fossile Subventionen  auch in Form von Steuerausnahmen wie in Österreich   abgebaut werden.

Wenn wir ein Energiesystem schaffen wollen, das dazu beiträgt, die übelsten Folgen des Klimawandels inkl. massiver Ernährungskrisen, Ende des Wintertourismus, Hitzeperioden, Flutkatastrophen etc. zu vermeiden, werden wir an einer Reduktion des (fossilen) Energieverbrauchs nicht vorbei kommen. Wie kürzlich die in „Nature“ publizierte Studie von Christophe McGlade & Paul Ekins („The geographical distribution of fossil fuels unused when limiting global warming to 2 °C“) zeigt, müssen zwei Drittel der technisch und ökonomsch nutzbaren fossilen Reserven im Boden bleiben. Denn ihre vollständige Ausbeutung würde mit Emissionen von rund 2.900 Gigatonnen (Gt) CO2 einhergehen. Maximal 800-1.200 Gt beträgt jedoch unser CO2-Budget zur Einhaltung des sog. 2 °C-Ziels.

Daher braucht es entsprechende Weichenstellungen.

Die Zeit ist reif.

Und der Zeitpunkt klar:

jetzt!

Titelbild von Sten Dueland lizenziert unter CC BY-SA 2.0.
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