100% Strom aus erneuerbarer Energie bis 2030 = ?


Derzeit laufen die Verhandlungen im Rahmen der COP21 (21. Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Klimarahmenkonvention). Anders als bei vorangegangenen Klimagipfeln traten Staats- und Regierungschefs nicht am Ende, sondern zu Beginn der Konferenz auf. Ein beachtliches Gipfeltreffen der Staatsspitzen bot sich am 30.11.2015 der Öffentlichkeit. Neben Barack Obama, Vladimir Putin oder Chinas Staatspräsident Xi Jinping hielt auch Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann eine Rede im Plenarsaal. Dabei stach eine von vielen Seiten positiv aufgenommene Aussage hervor: Österreich habe derzeit schon einen 80%-Anteil erneuerbarer Energie an der Stromproduktion und plane bis 2030 sogar einen 100%-Anteil. So weit so gut – insbesondere hoffentlich für zukünftige Rahmenbedingungen. Doch 80%? Das ist zuletzt öfter zu hören und wird offenbar Teil eines politischen Narrativs. Doch der genaue Blick auf die gewählte Formulierung gemahnt zur Vorsicht, denn so wichtig diese Ansage für eine ambitionierte Entwicklung der österreichischen Klima- und Energiestrategie ist, so irreführend ist sie, wenn heimische Stromproduktion und ebensolcher Verbrauch als Bezugsgrößen getauscht werden. Ein Versuch, das Signal aus dem Rauschen rauszufiltern:

Die Rede von Bundeskanzler Faymann kann auf der Website (Direktlink) der COP 21 nachgehört werden. Manchmal ist Präzision wichtig bzw. sogar entscheidend – nicht umsonst beschäftigt sich das Ö1-Radiokolleg diese Woche mit dem Zuhören als Kompetenz und im Sinne von Achtsamkeit. 🙂

Also hab ich der Rede des Kanzler zugehört. Er formuliert ähnlich wie auf der Website der SPÖ: „Österreich hat bereits heute einen Anteil von 80 Prozent erneuerbarer Energien bei der Elektrizitätserzeugung. Dieser Anteil soll bis 2030 weiter auf 100 Prozent erhöht werden.“ Ähnlich lautend übrigens die Aussagen von Bundesminister Andrä Rupprechter beim Trendforum von Energie Österreich (siehe Presseaussendung). Auch Barbara Schmidt, Generalsekretärin von Österreichs Energie, wird inhaltlich völlig korrekt zitiert: „Heute sei die Stromerzeugung bei uns schon zu mehr als 80 Prozent CO2-frei bzw. erneuerbar.“

Wer sich jedoch mit Österreichs Energiepolitik auseinandersetzt, weiß, dass Österreich in den letzten  Jahren rund zwei Drittel des heimischen Strombedarfs (!) auf Basis heimischer erneuerbarer Energie abdecken kann (und rund ein Drittel des heimischen Gesamtenergiebedarfs – was zeigt, dass die Bereiche Raumwärme und Verkehr noch deutlich relevanter sind als der Stromsektor selbst; wiewohl Elektrizität sicher auch in beiden Bereichen in Zukunft eine größere Rolle einnehmen wird). Die aktuelle Energiebilanz der Statistik Austria weist für den Anteil erneuerbarer Energie am Gesamtstromverbrauch gemäß EU-Vorgaben folgendermaßen aus:

2010:  64,7%
2011:  64,5%
2012:  65,2%
2013:  66,9%
2014:  69,2%

Die jährliche Bilanz der Elektrizitätsversorgung für 2014 ist auch hier auf der Website der E-Control aufgegliedert. Im internationalen Vergleich sind das übrigens beachtliche Werte, die zum einen mit dem Rückgrat der heimischen Stromversorgung durch Wasserkraft zu tun haben, zum anderen ist der Anstieg der vergangenen Jahre dem Ausbau von Windkraft und anderen Ökostromquellen wie Photovoltaik, Biomasse/Biogas und der bedeutsamen Rolle der Kleinwasserkraft zu verdanken. Ein wichtiger Impuls dafür war die Ökostromgesetz-Novelle 2012.

Was nun? 80% oder 69% Anteil?

Aus einer Reihe von Gründen ist der heimische Strombedarf die entscheidende Messlatte für die Anteilsberechnung, und nicht der Anteil an der heimischen Stromproduktion. Eine Ausblendung der Stromimporte nach Österreich ist zudem weder im Sinne des Klimaschutzes noch der heimischen Wirtschaftsentwicklung. Die Nettostromimporte sind zuletzt stark gestiegen, insbesondere aus Deutschland und Tschechien, womit auch in hohem Maße auf Basis von Kohle und Nuklearenergie erzeugter Strom dabei ist. Im Jahr 2014 lag die Nettoimportquote bei 15,5%. Angesichts des Umstands, dass Österreich vor nicht allzu langer Zeit noch Netto-Stromexporteur war und über hervorragende Voraussetzungen zur erneuerbaren Energieproduktion verfügt, eine betrübliche Handelsbilanz.

Die IG Windkraft hat das in dieser Grafik zusammengefasst:

Es ist auch sinnvoll, die einheitliche Definition gemäß den EU-Vorgaben zu verwenden und die orientiert sich am Bruttostromverbrauch (2014 knapp 70 TWh).

In den positiven Reaktionen auf das 100%-Ziel dürfte vielerseits tatsächlich auch die gesamte Stromversorgung gemeint sein; „Energie Österreich“ formuliert in einer Presseaussendung das Potenzial von zusätzlich 20 TWh Strom aus erneuerbarer Energie bis 2030. Aber die Aussagen des Kanzlers selbst hinterlassen noch ein Fragezeichen, das es nicht zu unterschätzen gilt. Sinkt die gesamte Stromproduktion Österreichs wie in den vergangenen Jahren und steigen die Nettoimporte, ist die Bezugsgröße möglicherweise kontraproduktiv. Vielleicht ist das aber auch alles nur ein rhetorisches Missverständnis?

Ökostrom-freundliche Rahmenbedingungen

Die Ansage des Kanzlers und das Commitment des Umweltministers sind jedenfals ein guter Anlass, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Ausbau von erneuerbarer Energie im Stromsektor (aber nicht nur dort) und eine entsprechende Klima- und Energiestrategie vorantreiben. Angesichts des drohenden Rückstaus bei genehmigten Windkraftanlagen, bei der Photovoltaik oder auch dem Warten auf eine Vergütungs-Folgeregelung für Biogasanlagen bzw. der schwierigen Situation für die Kleinwasserkraft, möge die Ansage ernst genommen werden. Aber es ist wichtig, bilanziell die richtige Messlatte anzulegen und sie – insbesondere unter Berücksichtigung des Wärmesektors und der Mobilität – als Teil der Gesamtenergie- und letztlich auch der Klimabilanz zu verstehen. Möglicherweise ist dies sogar wichtiger als die Prozentziffer selbst.

Titelbild von Andrij Bulba lizenziert unter CC BY 2.0.